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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

rerum cognoscere causas

 

 

 

 

 

Worte und Unworte

 

 Alles im Leben offenbart sich in Gegensätzen: Die Helligkeit an der Finsternis, das Gute am Bösen, die Armut am Reichtum, das Ja am Nein – denn alles Sein besteht nicht nur aus Gegensätzen, sondern auch durch Gegensätze.  

Unter den dunklen Worten, für die die deutsche Sprache nicht ohne Hintersinn ein so feinsinniges Gespür und ein unvergleichliches Talent besitzt, Unvereinbarkeiten zusammenzubringen, ist es vordergründig das Un-Wort, das Unmut und Unbehagen auslöst – und das nicht selten gleich in mehrfacher Ausführung.

Denn einmal bezeichnet die aus nur zwei Buchstaben gebildete Vor-Silbe, dass sich die Bedeutung des nachfolgenden Wortes ins Gegenteil kehrt und ihm so alle guten Eigenschaften abspricht. Beispiele dafür sind Unart, Unrecht, Unsinn, Ungeduld, Untreue, Untugend.

Zum andern verstärken die beiden unscheinbaren Buchstaben den Begriff selbst. So die Unmenge, die Unsumme, die Unzahl. Dass es sich bei einem Unmenschen um einen Zeitgenossen handelt, dem man am besten aus dem Weg gehen sollte, und dass sich hinter einem Untier eine schlimme Bestie tarnen kann, verweist einmal mehr auf die natürliche Gemeinsamkeit der Kreaturen, die diese Erde hervorgebracht hat.

Völlig offen sind dagegen die Inhalte, wenn es um Worte geht, die sozusagen eine freie Wahl anbieten. Typisch dafür ist die sogenannte Untiefe, ein Untergrund, der durchaus dazu angetan ist, auch den gutgläubigsten Wortforscher zu verunsichern - weil es sich dabei sowohl um eine tiefe als auch um eine flache Stelle im Wasser handeln kann. Gerät beispielsweise ein Schwimmer in eine Untiefe, kann er von einer abgründigen Bodenlosigkeit überrascht werden. Ist ein Schiff dagegen von einer Untiefe bedroht, nähert es sich einer seichten Stelle unter dem Wasser – eine Gefahr, die, um nicht auf eine Sandbank aufzulaufen, zur sofortigen Umkehr anhält. Auch ein besonders schlechtes, unheilvoll heraufziehendes Unwetter kann sich in ungleichen Wirkungen austoben: als Gewitter oder bloßes Donnerwetter. 

Ein Trost bleibt bei allem Schabernack, mit dem die Vielseitigkeit der Bedeutungen mit den Worten spielt: auch hier lässt die Sprache mit sich reden und ermöglicht Nuancen. So braucht eine unkluge Entscheidung noch lange nicht dumm, ein ungutes Gefühl noch überhaupt kein schlechtes zu sein. Ist oder gibt sich einer unverfroren, besagt das noch lange nichts über seine Körpertemperatur.

Und was, um alles in der Welt, ist das Gegenteil eines unbedarften Menschen? Ein erfahrener, beschlagener, bedarfter gar? Was ein ungeschlachter Kerl? Ein großer, grober, plumper oder ein geschlachter? Und aas ist ein Geheuer, nachdem andererseits so viel Unsinn und so große Untaten von Ungeheuern zu befürchten oder zu beklagen sind?

Hat einer, der in Ungnade gefallen ist, je zuvor in Gnade gestanden

Ist, um die Verwirrung weiter zu treiben, das Pendant zur unsäglichen Tiefe die sägliche Untiefe?

Oder das Gegenteil der Unschuld vom Lande die Schuld aus der Stadt? 

Um auf den Anfang zurückzukommen: Selbst die Gegensätze, aus denen das Leben besteht und in denen sich das Leben offenbart, bieten Derivate an. Nicht immer braucht das Gegenteil des Guten das Böse zu sein; es genügt, wenn es schlecht ist. Nicht alles, was nicht alt ist, muss jung, kann aber auch neu oder frisch sein. Und auch frisch ist nicht nur das, was sich weder müde oder matt gibt.

Deshalb tut sich die Kaltschnäuzigkeit auch so schwer: sie vermisst ihr Gegenteil: die Warmschnäuzigkeit. Als man sie auf diesen beklagenswerten Umstand aufmerksam machte, wäre sie fast einem Schwächeanfall erlegen - und kein Arzt war in der Lage, ihr einen Stärkeanfall zu verschreiben. 

Nebenbei bemerkt:

Die Un-Regel gilt nicht für Unbill, Unfall, Unrat.

Nebenbei gefragt:

Werden wir je erfahren, ob ein falsch geschriebenes Wort im Wörterbuch steht?

 

  Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. phil. Gerhard Fischer, Schifferstadt

 

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Ad personam

 

 

Dr. phil. Gerhard Fischer ist Chefredakteur einer Fachzeitschrift und Autor des Bestsellers 'Das Ei des Damokles' sowie 'Die Weisheit der Binse', verlegt bei PRINCIPAL