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Ein wichtiges Buch, herausgekommen zur richtigen Zeit, wenn man richtig
als ein fatales Kontinuum deutet, dessen Ursprung systemisch ist und dessen
Zukunft systemisch bleiben wird, sofern sich das System selbst nicht ändert.
Beide Autoren haben zehn weitere Autoren gewonnen, um sich dieses Problems
anzunehmen und es auf seine Koordinaten hin, die u.a. die katholische Sexuallehre
vorgibt, einer sachlich-distanzierten Überprüfung zu unterziehen.
Lehren, die zu
einen Ismus tendieren oder gar selbst Bestandteil desselben sind, tragen das
eigentliche Übel in sich, nämlich den Rechtfertigungsdruck, zu
plaubilisieren, was Inhalt der jeweiligen Lehre ist. Daran krankt Kirche als monumentaler Überbau
im allgemeinen wie auch die instanzielle Abwehr von
Angriffen gegen ihre jeweilige Lehrinhalte im besonderen. Sie will im Grunde Gott vor den Übeln der
Welt rechtfertigen und begibt sich dadurch auf das schlüpfrige Niveau einer
Rechtfertigungs-Philosophie, die die Jahrhunderte dominierte und zum Verstummen
brachte - brachial oder subtil -, was jenen Überbau in seiner Existenz
gefährdete.
Die Frage, ob und inwieweit sexuelle Gewalt, also die physische
Annexion gläubigen Lebens qua psychischen Zwanges, die katholische
Kirche in ihrer Existenz gefährdet, kann ohne Einschränkung mit einem Nein beantwortet werden. Weshalb? Weil
die intrinsische Bedingtheit der Gläubigen zur Schwäche eine so gewaltige Macht besitzt,
daß diese mit den einfachsten Mitteln zum Verstummen gebracht werden können, und
zwar
mittels des blasphemischen Hinweises auf Gottes Allmacht, der Ungerechte (!) richten wird und
allein solche 'Ungerechtigkeit' zu definieren in der Lage ist. Es wird also nichts weiter
als die Umkehr der Beweislast am Opfer vollzogen, und zwar unter dem Bibelwort,
daß nicht richten soll, wer nicht selbst gerichtet werden will. Das ist die
entmythologisierte Wahrheit, denn ihr Zynismus
ist irdischen, nicht himmlischen und schon gar nicht gottgewollten
Ursprungs.
Daß die Autoren
solche deduktive Sichtweise ihrer Argumentation unterlegen, wird der Leser leicht
festzustellen vermögen, denn sie führt zum Erkenntnisschluß der
Ausführungen zu 'Die Rolle der Angst' (S. 71) sowie 'Das Individuum und die
Institution' (S.73) und beleuchtet jenes aberwitzige Machtpotential aller
Klerikalen zu allen Zeiten, 'die verdammen, selig sprechen, Tugend
stempeln und Verbrechen' (Friedrich Rückert). Und sie
nehmen solchen schändlichen Exorzismus gerade an Kindern und Jugendlichen vor, die ihnen in
persönlicher Nähe, in Vertrauen und Gläubigkeit untertan sind. Sie zu willfährigen Höflingen
einer kirchlichen Pornoindustrie herabzuwürdigen ist die schiefe Ebene, auf der
sie alle hinabpoltern. Das verursacht Lärm und zeigt die aufs Gröbste erfolgte
seelische Deformation der Opfer auf und deren lebenslänglichen Leidensweg.
Wenn
Autor Jon Sobrine vor diesem Hintergrund den Mangel an Demut in der katholischen Kirche anprangert (S. 194)
und deren Überheblichkeit herausstellt, dann hat er zweifelsohne etwas getan, was
im Index Librorum Prohibitorum festgezurrt bleibt: die verschwiegene und
unterdrückte Selbsterkenntnis des Klerus, daß eben doch nicht gottgefällig ist,
was dafür ausgegeben wird. Oder sollte man meinen dürfen, solche
Selbsterkenntnis gäbe es nicht in den geschlossenen Reihen kinderschänderischer
Leugner und Verharmloser? Sollte man meinen dürfen, Aufgedecktes werde nicht
wieder zugedeckt, coram publico Offenbartes niedergeschwiegen? Nein, dies
erwarten darf und sollte man nicht, denn Tränen trocknet zwar Gott im Himmel,
auf Erden jedoch sollen sich jammervolle Opfer an der Schulter ihrer Retter
ausweinen dürfen. Gnade vor Recht ergehen lassen muß allein ihnen obliegen, denn
nur sie
können ihren Peinigern vergeben. Das schließt jedoch symbolische
Wiedergutmachung ebensowenig aus wie die Pflicht, die Verletzer von
Menschenwürde schon irdisch zur Rechenschaft zu ziehen.
In diesem Sinne bewirken die Autoren
etwas ganz und gar Nützliches, nämlich die Hinterfragung dessen, was geschehen
ist und wie es erfolgen konnte. Damit diese nicht im Dämmer dogmatisch-theoretischer
Erkenntnis versinkt, fügten sie ihrem Buchtext eine Reihe von Adressen und
Informationen an, die Opfern helfen, sich von den Fesseln einer kirchlichen
Ideologie zu lösen, die Schweigen gebietet, wo Aufschrei das Gebot der
Nächstenliebe wäre. Ein Buch, uneingeschränkt empfehlenswert, da von
diskussionswürdiger Klarheit.
BUTZON&BERKER, 2011, ISBN
3-7666-1482--7, 18,90 Euro (geb.)
Der Verlag: www.bube.de
in Kevelaer
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