_______________________________________________________________________

 

   

 

         

ANTIQUARIATE

 

 

___  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

___

 

ANTIQUARIATE

 

 

 

ALBUS/BRÜGGEMANN

 'Hände weg! Sexuelle Gewalt in der Kirche.'

 

 

 

 

 

Ein wichtiges Buch, herausgekommen zur richtigen Zeit, wenn man richtig als ein fatales Kontinuum deutet, dessen Ursprung systemisch ist und dessen Zukunft systemisch bleiben wird, sofern sich das System selbst nicht ändert. Beide Autoren haben zehn weitere Autoren gewonnen, um sich dieses Problems anzunehmen und es auf seine Koordinaten hin, die u.a. die katholische Sexuallehre vorgibt, einer sachlich-distanzierten Überprüfung zu unterziehen.

Lehren, die zu einen Ismus tendieren oder gar selbst Bestandteil desselben sind, tragen das eigentliche Übel in sich, nämlich den Rechtfertigungsdruck, zu plaubilisieren, was Inhalt der jeweiligen Lehre ist. Daran krankt Kirche als monumentaler Überbau im allgemeinen wie auch die instanzielle Abwehr von Angriffen gegen ihre jeweilige Lehrinhalte im besonderen. Sie will im Grunde Gott vor den Übeln der Welt rechtfertigen und begibt sich dadurch auf das schlüpfrige Niveau einer Rechtfertigungs-Philosophie, die die Jahrhunderte dominierte und zum Verstummen brachte - brachial oder subtil -, was jenen Überbau in seiner Existenz gefährdete.

Die Frage, ob und inwieweit sexuelle Gewalt, also die physische Annexion gläubigen Lebens qua psychischen Zwanges, die katholische Kirche in ihrer Existenz gefährdet, kann ohne Einschränkung mit einem Nein beantwortet werden. Weshalb? Weil die intrinsische Bedingtheit der Gläubigen zur Schwäche eine so gewaltige Macht besitzt, daß diese mit den einfachsten Mitteln zum Verstummen gebracht werden können, und zwar mittels des blasphemischen Hinweises auf Gottes Allmacht, der Ungerechte (!) richten wird und allein solche 'Ungerechtigkeit' zu definieren in der Lage ist. Es wird also nichts weiter als die Umkehr der Beweislast am Opfer vollzogen, und zwar unter dem Bibelwort, daß nicht richten soll, wer nicht selbst gerichtet werden will. Das ist die entmythologisierte Wahrheit, denn ihr Zynismus ist irdischen, nicht himmlischen und schon gar nicht gottgewollten Ursprungs.

Daß die Autoren solche deduktive Sichtweise ihrer Argumentation unterlegen, wird der Leser leicht festzustellen vermögen, denn sie führt zum Erkenntnisschluß der Ausführungen zu 'Die Rolle der Angst' (S. 71) sowie 'Das Individuum und die Institution' (S.73) und beleuchtet jenes aberwitzige Machtpotential aller Klerikalen zu allen Zeiten, 'die verdammen, selig sprechen, Tugend stempeln und Verbrechen' (Friedrich Rückert). Und sie nehmen solchen schändlichen Exorzismus gerade an Kindern und Jugendlichen vor, die ihnen in persönlicher Nähe, in Vertrauen und Gläubigkeit untertan sind. Sie zu willfährigen Höflingen einer kirchlichen Pornoindustrie herabzuwürdigen ist die schiefe Ebene, auf der sie alle hinabpoltern. Das verursacht Lärm und zeigt die aufs Gröbste erfolgte seelische Deformation der Opfer auf und deren lebenslänglichen Leidensweg.

Wenn Autor Jon Sobrine vor diesem Hintergrund den Mangel an Demut in der katholischen Kirche anprangert (S. 194) und deren Überheblichkeit herausstellt, dann hat er zweifelsohne etwas getan, was im Index Librorum Prohibitorum festgezurrt bleibt: die verschwiegene und unterdrückte Selbsterkenntnis des Klerus, daß eben doch nicht gottgefällig ist, was dafür ausgegeben wird. Oder sollte man meinen dürfen, solche Selbsterkenntnis gäbe es nicht in den geschlossenen Reihen kinderschänderischer Leugner und Verharmloser? Sollte man meinen dürfen, Aufgedecktes werde nicht wieder zugedeckt, coram publico Offenbartes niedergeschwiegen? Nein, dies erwarten darf und sollte man nicht, denn Tränen trocknet zwar Gott im Himmel, auf Erden jedoch sollen sich jammervolle Opfer an der Schulter ihrer Retter ausweinen dürfen. Gnade vor Recht ergehen lassen muß allein ihnen obliegen, denn nur sie können ihren Peinigern vergeben. Das schließt jedoch symbolische Wiedergutmachung ebensowenig aus wie die Pflicht, die Verletzer von Menschenwürde schon irdisch zur Rechenschaft zu ziehen.

In diesem Sinne bewirken die Autoren etwas ganz und gar Nützliches, nämlich die Hinterfragung dessen, was geschehen ist und wie es erfolgen konnte. Damit diese nicht im Dämmer dogmatisch-theoretischer Erkenntnis versinkt, fügten sie ihrem Buchtext eine Reihe von Adressen und Informationen an, die Opfern helfen, sich von den Fesseln einer kirchlichen Ideologie zu lösen, die Schweigen gebietet, wo Aufschrei das Gebot der Nächstenliebe wäre. Ein Buch, uneingeschränkt empfehlenswert, da von diskussionswürdiger Klarheit.

 

BUTZON&BERKER, 2011, ISBN 3-7666-1482--7, 18,90 Euro (geb.)

Der Verlag: www.bube.de in Kevelaer