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Sie wollen glücklich sein?
Sie wollen zufrieden sein, Sie wollen Erfolg
haben, Sie wollen Ihr Leben ändern, Sie wollen Ihr Verhalten ändern? Vielleicht
wollen Sie sich einer Sucht entziehen, vielleicht wollen Sie eine Ihrer
Gewohnheiten ändern. Die Überschrift über alles das lautet „Selbststeuerung“.
Was sollen Sie tun? Was sollen, was dürfen Sie essen? Wie müssen Sie sich
verhalten? Wo bleibt hier in diesem Text ein Hinweis, wo ein konkreter
Ratschlag? Nun, Sie kennen die Antwort - Sie wissen das im Prinzip alles, und in
der Form von Vorsätzen meldet sich dieses Wissen bei Ihnen jedesmal in der
Silvesternacht und an Neujahr.
Aber so einfach ist das nicht. Schon in der
Rubrik vom November 2010 hieß es, „Wir fassen keine Vorsätze mehr!“ Die darauf
folgenden Rubriken zielten dahin, ein inneres Gleichgewicht zu erlangen und zu
bewahren - sich unempfindlich zu machen gegenüber niederdrückenden Gedanken -
sich zu immunisieren gegenüber Depression und Resignation. Und diese Stabilität
brauchen Sie als Drahtseilartist: Ein inneres, aber auch ein äußeres
Gleichgewicht. Denn das müssen Sie werden: Ein Seilkünstler! Dazu ist mehr nötig
als ein Vorsatz zu Silvester. Die zurückliegenden Rubriken sollten Ihnen die
Sicherheit geben, mit negativen Gefühlen umzugehen. Denn welche Gewohnheit Sie
auch verändern, welches Verhalten Sie auch ändern wollen, immer müssen Sie auf
etwas verzichten, und dieser Verzicht erzeugt in Ihnen ein Gefühl der Leere, wie
beim Entzug eines Suchtmittels.
Dieses ist die Gefahr, die auf der linken
Seite Ihres Drahtseiles lauert: in Resignation oder Depression zu verfallen.
Auf der rechten Seite lauert die Verlockung
der Sucht, - die Verlockung, in die alte Gewohnheit zurück zu fallen, - sich dem
Gedanken hinzugeben, ich schaffe es ja doch nicht, mir fehlt die Kraft, ich kann
das nicht, ich will das nicht, diese Leere ertrage ich nicht, unter diesen
Umständen lohnt sich das Leben nicht mehr für mich, ich bin doch kein Spießer,
der so leben will.
Links droht die Unerträglichkeit der Leere
und rechts der Rückfall in die Sucht. Die Leere füllen wir auf mit der Neugier
auf die Vergangenheit, die Geschichte.
Ein Vakuum entsteht.
Die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts
sind gescheitert. Doch die ideologischen Druckwellen dieser Explosionen haben
ein Vakuum hinterlassen, das noch nicht abgeklungen ist. Und die Erleichterung
über das Verschwinden des Druckes lässt die Menschen das Vakuum ertragen.
Andererseits ist dieses Gefühl der Leere der
Grund dafür, dass die Freiheit nicht jeden glücklich macht. Mancher sehnt sich
nach den früheren Reglements zurück.
Der Mensch kann sein tägliches Leben nicht
anhand der zehn Gebote gestalten genauso wenig, wie er es mit Hilfe der
Paragraphen des bürgerlichen Gesetzbuches kann. Er kann im Leben Erfolg haben
oder scheitern, er kann glücklich sein oder verzweifeln, er kann reich sein
oder arm - das Gesetzbuch steckt einen Rahmen ab, in dem beides erlaubt ist -
ja, in dem beides gar nicht von Bedeutung ist, gar nicht zur Kenntnis genommen
wird. Unter den Diktaturen herrschten strenge Regime, die den Einzelnen um so
stärker einbanden, je näher er dem Machtzentrum stand.
Jetzt ist er in die Freiheit entlassen und
erhält als Hinweis allenfalls den Rat, sich gelegentlich zu entspannen, und bei
Schlaflosigkeit einen Therapeuten aufzusuchen - von den Hilfsangeboten und
Glücksversprechungen der Sektenführer, Heilslehrer und Esoteriker jetzt einmal
abgesehen.
Und wenn der ratlose Kranke nach vielem
Bemühen endlich einen der wenigen Behandlungsplätze ergattert hat und dem
Erleuchteten gegenüber sitzt, dann kann es ihm passieren, dass der erst einmal
zehn Therapiestunden lang gar nichts sagt. Er überlässt vielleicht dem Klienten
die Eröffnung. Oder der Therapeut wendet die "Gummiwandmethode" an und
wiederholt immer nur, leicht abgewandelt, die Fragen des Klienten.
Die untergegangene Arbeitsmoral:
In der Vergangenheit kam zu den religiösen
Geboten die Disziplinierung durch die Arbeit hinzu.
Tugend bestand zu einem Teil aus der
Erfüllung der kirchlichen und religiösen Normen, in noch höherem Maße aber aus
der Anpassung an die Erfordernisse der Arbeit. Arbeitsmoral und die Einfügung in
ein Abhängigkeitsverhältnis bestimmten das Leben der vielen. Diese Einfügung
hatte außer dem vernünftigen, ökonomischen, auch einen ästhetischen Grund.
Der Beruf prägte den Menschen in seinem
Wesen, seiner Haltung und seinem Aussehen, und die Gesamtheit der arbeitenden
oder dienstleistenden Bevölkerung prägte das Milieu und den Charakter der
Landschaft. Dieses Milieu, das meistens eine Jahrhunderte oder Jahrtausende
alte Geschichte hatte, prägte wiederum das Verhalten der Menschen - den
Tagesablauf, den Jahresablauf, den Lebensablauf.
Das Milieu wurde als schön empfunden und
bestimmte seinerseits den Schönheitsmaßstab. Es wurde - wenn die Anpassung
gelang - geliebt. Doch oft wurde diese Liebe erst dann entdeckt, wenn das
Liebesobjekt verschwand, wenn das Milieu sich wandelte, auflöste, unterging.
Wenn es seine Angehörigen in eine ängstigende und ungeliebte Freiheit entließ.
Der Anpassungsdruck verschwindet
Solange das Milieu herrschte, war es für den
Einzelnen ziemlich wichtig, sich ihm anzupassen.
Falls er sich nicht anpasste oder nicht
anpassen konnte, bedeutete das Gefahr für ihn - eine Gefahr, die Angst
auslöste. Es herrschte also ein Anpassungsdruck, ein Konformitätsdruck, der
seinen Machtanspruch gegenüber dem Ich mit Hilfe einer äußeren Angst, einer
Verlustangst, durchsetzte. Diese Angst hatte für den Einzelnen eine positive
Nebenwirkung: Denn sie half ihm, seine inneren, neurotischen Ängste zu
überwinden, zu überdecken, zu verdrängen.
Diese Feststellung erinnert an die bekannte
Erscheinung, dass in Krisenzeiten die Zahl der Neurosen abnimmt. Umgekehrt, wenn
der äußere Druck nachlässt, dann steht das Ich allein da - allein mit sich,
allein mit seinen neurotischen Ängsten. Das Milieu löst sich auf, der
Anpassungsdruck schwindet und das Ich wird in die Freiheit entlassen.
Das Ich weicht aus - in krankhaftes Verhalten
Das Ich wird nicht vor die Wahl gestellt, ob
es den Mut aufbringt, sich diesen Ängsten zu stellen, oder ob es diesen Ängsten
ausweicht - ausweicht in krankhaftes Verhalten, in Depression, Asozialität
oder Sucht. Denn ..
... das Ausweichen in die
Sucht erfolgt automatisch.
Nur ein Wissensfortschritt, ein Schritt in
die Richtung der Ästhetikdimension, kann dazu führen, dass diese automatische
Entgleisung vermieden wird.
Um diesem Entweder-Oder zu entgehen, muss das
Ich Angst und Einsamkeit ertragen. Aufklärung ist nötig in dem Zwischenbereich
zwischen Wissenschaft und dem Ich. Das Ich kann nicht, um seiner Neurose zu
begegnen, sich die Wissenschaft der Neurosen aneignen.
Der ideale Arzt
Im Grenzfall, der manchem Arzt allerdings als
der Idealfall erscheint, befasst der Klient sich ausschließlich mit seinen nach
außen gerichteten Intentionen, und der Therapeut sieht im Klienten nichts als
ein Objekt.
Die Grenzschicht zwischen beiden ist dann
ziemlich undurchlässig und das Gespräch zwischen Arzt und Patient beschränkt. In
der einen Richtung werden Informationen über Symptome hindurch gereicht. In der
anderen Richtung ein Rezept für das Medikament.
Eine Behandlung im Zeichen des
mehrdimensionalen Denkens sieht anders aus. Dann entwickelt der Klient ein
Wissen vom Ich, von seinem Ich, und der Therapeut setzt sein eigenes Ich, sein
Wissen vom Ich, mit dem des Klienten gleich. Das heißt, das Wissen des Klienten
und das Wissen der Wissenschaft bilden eine Schnittmenge, ein gemeinsames
Wissen vom Ich, aus.
Es entsteht ein Bewusstsein dafür, dass man
in dieser Zwischenschicht zwischen Wissenschaft und Ich, zwischen Arzt und
Patient überhaupt nachprüfbare Aussagen machen kann. Bisher war dieser Bereich
dem Aberglauben und der Esoterik überlassen.
Eine Wendung nach innen
Eine Wendung nach innen im Zeichen des
Schwächebewusstseins ist notwendig.
Sie zielt dahin, die eigenen neurotischen
Züge bewusst zu machen. Dabei muss man nicht unbedingt eine Psychoanalyse an
sich selbst vollziehen. Aber erwünscht ist doch eine Veränderung des
Verhältnisses Arzt-Patient. Der Patient muss einen Teil der Rolle des Arztes
übernehmen, und der Arzt muss sich nicht so sehr als Dirigent des
Behandlungsablaufes sehen, sondern sich in Richtung auf die Rolle des Zuschauers
bewegen. Auch wenn die Handlungsanstöße mehr vom Patienten ausgehen, behält der
Arzt als Zuschauer, Kommentator und fachmännischer Berater eine wichtige Rolle.
Aber:
je mehr Einsicht der
Klient selbst
in die inneren Vorgänge
gewinnt,
desto wirksamer die
Therapie.
Die eigene Person: ein unbekanntes Wesen
Ganz allgemein gilt: Die Aufgabe der
Selbststeuerung muss bewusster wahrgenommen werden als bisher, da man sich auf
eine Traditionssteuerung, wie es sie bis zum
Beginn der Neuzeit gab,
eine Innenlenkung, wie sie durch eine
verinnerlichte Weltanschauung zustande kommt, oder auf
die Steuerung durch ein von außen wirkendes
Arbeitsmilieu
oft nicht mehr stützen kann. Dann ...
wird die Selbststeuerung
zur Hauptaufgabe,
bei der man die eigene
Person
als ein unbekanntes Wesen
erlebt.
Die Selbststeuerung führt zu Überraschungen
und wirft Fragen auf. Im einen Fall sind Sie befasst mit einer Aufgabe und
investieren hierein alle Kräfte, die Sie haben - eventuell ohne nach dem Sinn
dieser Anstrengung zu fragen. Im andern Fall sehen Sie ein sinnvolles Ziel vor
sich und die Möglichkeit, es zu erreichen, doch die eigene Trägheit steht im
Wege.
Mit der vergehenden Zeit des Nichtstuns
vermindern sich die Möglichkeiten, und Sie sehen Ihre Felle langsam davon
schwimmen.
Dies ist der gleiche Stoßseufzer, den der
Physiker im Labor ausstößt: „So ist’s mit aller Theorie, man denkt es geht, doch
geht es nie. Doch in der Praxis wiederum, da geht’s, nur weiß man nicht warum.“
Die Parallele deutet an: Es gilt, gegenüber dem eigenen Leben eine
experimentelle Einstellung anzunehmen.
Die Intention: Gefahr der
Überforderung
Eignen Sie sich Entwicklungslinien an!
Das war in den beiden letzten Rubriken ein
langer Ausflug in die Geschichte. Lang nicht an Seiten, sondern an
geschichtlicher Zeit. Denn er umfasste etwa dreitausend Jahre und führte von den
Mythen über das Christentum zur Aufklärung und zur Jetztzeit, über religiöse
Riten, die zehn Gebote, zur Auflösung religiöser Bindungen, von der Arbeitsmoral
zur Selbstbestimmung.
Solche historischen Linien sind wichtig, um
der Erinnerung eine Gestalt, eine Struktur zu geben. Sie stellen in einem
ungestalteten, uferlosen Meer von Einzeltatsachen Verbindungen her. Sie decken
ursächliche Verknüpfungen auf oder lassen solche vermuten. Sie sind
unentbehrliche Stützen für das Gedächtnis.
Alle diese Aussagen, die jetzt in Bezug auf
die allgemeine Geschichte gemacht worden sind, gelten auch für Ihre private
Erinnerung, für die Struktur Ihrer Lebensgeschichte. Entdecken Sie solche Linien
in Ihrer Lebensgeschichte! Entwerfen Sie ein Bild Ihrer Lebensgeschichte!
Greifen Sie nach Entwicklungslinien, eignen sie sich an!
(Diese Rubriken sind verfasst in Anlehnung an
das Buch „Eine Seereise zum Ich“ von Georg M. Peters)
(Diese Rubriken sind
geschrieben in Anlehnung an das Buch „Eine Seereise zum Ich“ von Georg M.
Peters, Verlag SPIEL.)
Verantwortlich (c) für Text und
Inhalt: Dr. Georg M. Peters
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