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EXLIBRIS

Literatur- und Sachbuch-Besprechungen

 

 

 

 

 

 

 

Emily Hahn: Shanghai Magie.

Reportagen aus dem ‚New Yorker’

 

"Seit 20 Jahren werde ich immer wieder gefragt, warum ich in meinem Verlagsprogramm fast ausschließlich auf Frauen setze. Irgendwann war ich es furchtbar leid zu erklären, dass ich beileibe nichts gegen Männer habe. Ganz im Gegenteil! Nur erschien mir die weibliche Perspektive immer schon spannender. Und es gibt so enorm viele Künstlerinnen - Malerinnen, Schriftstellerinnen, Fotografinnen u.a. –, deren Arbeit viel zu wenig gewürdigt wurde, obwohl sie in ihrem Werk oft radikaler, freier und unabhängiger waren als ihre – sehr viel bekannteren - männlichen Kollegen", schreibt die Verlegerin Brigitte Ebersbach in ihrem Newsletter vom Mai 2010. 

Auch mir scheint die weibliche Perspektive gelegentlich spannender - ich denke da vor allem an meine Lieblingsautorin, Janet Malcolm - jedoch nicht im Falle der "Shanghai Magie" von Emily Hahn, die sich von 1935 bis 1943 in China und Hongkong aufgehalten und für die Zeitschrift "New Yorker" Reportagen verfasst hat, denn diese sind, nun ja, grösstenteils nicht viel mehr als ziemlich belangloses Privilegierten-Geplapper. "Emily Hahn liebt das unkonventionelle Leben. Sie ist der Mittelpunkt aller Partys, ständiger Gast in den Klatschspalten der Boulevardpresse", lässt der Klappentext wissen und der Leser (und womöglich auch die Leserin) fragt sich, was eigentlich am ständigen Partybesuch unkonventionell sein soll. Auch Hahn sieht diesen übrigens etwas anders als der Klappentext: "Die Nachtlubs, die Cocktail- und Dinnerparties, die bei den in Shanghai lebenden Ausländern so beliebt waren, langweilten mich furchtbar ..." lässt sie in "The Big Smoke" wissen. 

Werden wir konkret: In "The Big Smoke" schildert Emily Hahn ihre Erfahrungen mit Opium. "Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. 'Du rauchst Opium!', rief ich. Alle zuckten zusammen, denn man hatte mich ganz vergessen. Heh-ven sagte: 'Ja, natürlich. Hast Du das noch nie gesehen?' 'Nein, aber ich finde es furchtbar spannend.' 'Möchtest du es einmal probieren?' 'Oh, ja!' Keiner protestierte, war schockiert oder sonst irgendetwas." Das klingt schon sehr nach einem typischen amerikanischen Teenie, von einer Reporterin des "New Yorker" hätte man sich anderes erwartet (was selbstverständlich vor allem bedeutet, dass man sein Bild vom "New Yorker" korrigieren sollte). Emily raucht also Opium und schildert unter anderem die Wirkung so: "Wir alle unterhielten uns - über Bücher und nochmals Bücher und chinesische Politik. Dass ich nichts von Politik verstand, machte mir überhaupt nichts aus. Ich hörte allem interessiert zu, was von den andern auf Englisch gesagt wurde, und wenn sie Chinesisch sprachen, machte es mir auch nichts aus. Ich überliess mich einfach meinen Gedanken. Nichts hätte mir etwas anhaben können - die Welt war aufregend und heiter." In etwa so hätte ich als Siebzehnjähriger auch meine erste Erfahrung mit Haschisch geschildert, doch ich bezweifle, dass der "New Yorker" dafür Interesse gezeigt hätte. Sicher, man muss das alles im historischen Kontext sehen, doch was Hahn sprachlich und intellektuell leistet, ist nocht besonders überzeugend. "Als ich später am Morgen in meinem eigenen Bett lag, versuchte ich mich zu erinnern, ob ich wirre Drogenträume gehabt hatte. Doch ich hatte keine Träume - was enttäuschend war. Ich fühlte auch keinerlei Verlangen. Ich war einfach nicht drogenabhängig." Später findet sie dann heraus, dass sie es doch ist, und wird von einem Arzt namens Bobby mittels Hypnose in seinem Krankenhaus gratis behandelt. "Kann ich, während Sie unter Hypnose stehen, auch eine kleine Psychoanalyse vornehmen?" ... "Ja, wenn Sie versprechen, mir hinterher alles zu erzählen. Versprochen?" ... "Ach übrigens, die Analyse? Was haben sie herausgefunden, Bobby? "Sie sind ein interessanter Fall", anwortete er voller Begeisterung. Da kommt Schwester Wong, die sich um Sie kümmern wird." Damit verliess er das Zimmer ... 

Trotzdem: die Lektüre dieses schön gemachten (nicht zuletzt der aussagekräftigen historischen Aufnahmen wegen) Buches lohnt - wegen des längeren, glänzend geschriebenen, kenntnisreichen und inspirierenden Vorworts der Herausgeberin, Dagmar Yu-Dembski.

 

Herausgegeben von der edition ebersbeach, Berlin 2009

http://www.edition-ebersbach.de

Rezensent ©: Hans Durrer, Sargans (CH)

Beachtenswerte Links:

http://hansdurrer.com

http://durrer-intercultural.blogspot.com

 

 

 
 

 

 

 

Ad personam

 

 

Hans Durrer studierte Rechtswissenschaften in Basel, Journalistik in Cardiff und angewandte Linguistik in Darwin; er ist Autor des Buches "Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication" (White Lotus Press, Bangkok 2006).