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ANTIQUARIATE

 

 

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EXLIBRIS

Literatur- und Sachbuch-Besprechungen

 

 

 

 

 

 

 

Josh Weil: 'Herdentiere'

 

Osby Caudill lebt in den Blue Ridge Mountains in Virginia, einer Gegend, in der man mehr Kühe als Menschen zu sehen bekommt. Hier kümmert er sich zusammen mit seinem Vater seit Jahrzehnten um die Angus- und Hereford-Herden - und daher wird wohl auch der etwas eigenartige Titel "Herdentiere" stammen (im englischen Original heisst das Buch "Ridge Weather"), doch dann schiesst sich sein Vater eines Nachmittags eine Kugel durch den Kopf. 

Osby, wie schon sein Vater, ist ein recht verschlossener Mensch ("Sein Problem war, dass die Leute nur hören konnten, was er sagte, und nicht, was er dachte."), der die Dinge bedächtig angeht und sich alle Zeit der Welt dafür nimmt, so dass man den Eindruck gewinnt, dem Verrinnen der Zeit zuzusehen zu können. Alles in diesem mit grosser Sorgfalt komponierten Buch ist ruhig und einfach geschildert, auch die Selbsttötung von Osbys Vater. In dieser gänzlich unaufgeregten, nüchternen und faktischen Sprache liegt die Stärke dieses dünnen Bändchens, das einem das Gefühl vermittelt, die Magie der Gegenwart zu erleben. 

Zwei Zitate sollen dies illustrieren: 

"Als sie mit dem Essen fertig waren und zurückfuhren, legte sich der Tag dem Ende zu, und Osby begann die Traurigkeit zu spüren, die sich nach einem bedeutenden Ereigniss einstellt, einfach nur, weil es vorbei ist." 

"Als sie glühten, legte er ein paar Holzscheite darauf, die die ganze Nacht hindurch brennen würden; er wartete, bis sie Feuer fingen, dann schloss er den Ofen und liess ihn seine Arbeit tun." 

"Herdentiere" is auch eine Meditation über die Grenzen sprachlicher Mitteilungsfähigkeit und Weil beherrscht die Kunst, mittels Sprache Sprachlosigkeit auszudrücken, ganz hervorragend: 

"Kurz bevor er sie erreichte, überkam ihn das Gefühl, dass er sich aktiv daran erinnern müsste, wie man sprach." 

"Er seufzte. Er wünschte, es gebe einen anderen Weg, Dinge zu sagen, als zu reden. Es kam ihm vor, als sei er gar nicht dazu bestimmt, ein Mensch zu sein. Als Tier wäre er besser dran gewesen, er hätte kommunizieren können, indem er die Haare auf seinem Kopf aufstellte oder irgendeinen Geruch absonderte." 

Die Lektüre dieser "amerikanischen Novelle" (so der Untertitel) lohnt nicht zuletzt, weil man in ihr so schöne und berührende  Beobachtungen findet wie diese hier: "Der Boden gefror schon wieder, und der Truck schaukelte ruckelnd über die Weide. Die über den Berg verstreuten Rinder drehten sich alle gleichzeitig dem Motorengeräusch zu, wie ein Vogelschwarm, der sich auf ein geheimes Signal hin in die Lüfte erhebt."  

Josh Weil ist ein aussergewöhnliches Buch gelungen.

 

 

Herausgegeben vom Dumont-Buchverlag, Köln 2009

dumont-buchverlag.de

Rezensent ©: Hans Durrer, Sargans (CH)

Beachtenswerte Links:

http://hansdurrer.com

http://durrer-intercultural.blogspot.com

 

 

 
 

 

 

 

Ad personam

 

 

Hans Durrer studierte Rechtswissenschaften in Basel, Journalistik in Cardiff und angewandte Linguistik in Darwin; er ist Autor des Buches "Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication" (White Lotus Press, Bangkok 2006).