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Elmar Holenstein: 'Philosophie-Atlas. Orte und Wege des Denkens.'
"An sich interessiert
sich die Philosophie nicht dafür, wer was wann und wo gesagt", beginnt Elmar
Holenstein seinen wunderbar ansprechend gestalteten "Philosophie-Atlas" und
fährt fort: "Worauf es ihr ankommt, ist vielmehr, ob das, was jemand, wann und
wo auch immer, geäussert hat, als wahr oder falsch, gut oder schlecht, unsere
Erkenntnis fördernd oder behindernd zu bewerten ist. Bevor wir jedoch eine
Aussage beurteilen können, müssen wir sie verstehen."
Wer so einfach,
verständlich, klar und elegant zu formulieren versteht, hat meine ganze
Aufmerksamkeit, denn sich so ausdrücken zu können ist eine Kunst. Umso mehr,
wenn dieser Mann (emeritierter) Hochschul-Professor für Philosophie ist, denn
schliesslich sind Professoren eher dafür bekannt, sich in Fachjargons zu
ergehen. Entgegen einer weitverbreiteten Auffassung dient Sprache nämlich vielen
Berufsgruppen nicht in erster Linie zur Kommunikation, sondern zur Status- und
Einkommenssicherung.
Elmar Holenstein hingegen
schreibt so gut, argumentiert so differenziert und fasst seine Gedanken so
überzeugend in Worte, dass man ihn, um dies zu illustrieren, am besten einfach
zitiert. Hier zwei Beispiele:
"Die Überzeugung, dass die Menschen von Natur aus gut und moralisch veranlagt
sind, findet sich in Zhongguo/China so unerschütterlich vertreten wie in Europa
und die gegenteilige Ansicht ebenso, selbst innerhalb ein und derselben
philosophischen Lehrrichtung (von den Konfuzianern Meng Zi und Xun Zi). Man
entdeckt in verschiedenen Erdteilen nicht nur dieselben fundamentalen
Wertvorstellungen, sondern auch dieselben nicht harmonisch auflösbaren
Wertkonflikte. Die bevorzugte Position angesichts solcher Antinomien und
Konflikte mag von Fall zu Fall eine andere sein, jedoch nicht nur in den
verschiedenen Erdteilen, auch zu verschiedenen Zeiten innerhalb desselben
Erdteils, ja im Laufe der verschiedenen Lebensphasen ein und derselben Person.
Was wir von anderen Erdteilen erwarten können, sind feine Unterschiede und vor
allem, dass die gleichen oder ähnliche Überlegungen in einem anderen kulturellen
Ambiente gemacht wurden, oft früher und gelegentlich später als in Europa, mit
anderen Motivationen und mit anderen Auswirkungen."
"Zukunftsprognosen erschöpfen sich mit ermüdender Regelmässigkeit in der
Voraussage einer linearen Fortsetzung von Entwicklungen der gerade verflossenen
Jahre. Über kurz oder lang führt dann Unvorhergesehenes zu Weichenstellungen in
ganz andere, ungeahnte Richtungen. An Vorstellungskraft scheint es auch jenen zu
fehlen, die seit mittlerweile 200 Jahren Hegel folgend, ernsthaft ein Ende der
Kunst, der Religion, der Philosophie, der Wissenschaft, der Geschichte und des
Menschen (alles im Singular) wahrzunehmen glauben."
"Der Atlas der Philosophie" wäre schon allein des luziden Textes wegen ein
empfehlenswertes Buch, doch es ist mehr, nämlich ein veritabler Atlas und das
meint: auf 41 Karten und Schaubildern veranschaulicht der Autor "Orte und Wege
des Denkens" (so der Untertitel). So zeigt eine Karte etwa die Einzugs- und
Ausbreitungsgebiete der 'Europäischen' Philosophie, eine andere das
Ausbreitungsgebiet südasiatischer Schriftkultur, Wissenschaft und Philosophie
vom -4ten bis zum 18ten Jahrhundert und eine weitere die Philosophie in
Zhongguo/China.
"Denkweise und Denkinhalte gewinnen an Tiefenschärfe und werden leichter
begreiflich, wenn wir den Herkunftsort und die Lebensstationen eines Philosophen
kennen, wenn wir beispielsweise wissen, dass Vico aus dem süditalienischen
Napoli, Montesquieu aus dem französisch-aquitanischen Bordeaux, Rousseau aus dem
französisch-schweizerischen Genève und Hume aus dem schottischen Edinburgh
stammt", notiert Holenstein und in der Tat tun sich einem bislang ganz
unerschlossene Dimensionen auf, wenn man jetzt etwa die Karte A 6 aufschlägt und
staunend betrachtet, wo überall sich die Schrift- und Wissenschaftskulturen der
'Alten Welt' ausgebreitet haben.
"Allgemein gilt, dass in diesem Atlas die wichtigsten Lebensstationen von
transkulturell und interkontinental bedeutenden Philosophen eingetragen sind.
Orte und in den Registern auch Personen, denen eine überrragende Bedeutung
zugeschrieben wird, sind fett hervorgehoben." Kaum hatte ich dies gelesen,
wandte ich mich den Registern zu und was ich da fand, beeindruckte mich
ausserordentlich, denn in diesen hat eine eigentliche Herkulesarbeit ihren
Niederschlag gefunden. Was Holenstein da zusammengetragen und geordnet hat, ist
ein veritables Nachschlagewerk der Weltphilosophie.
Wer so eurozentrisch geprägt ist wie ich und kaum je von chinesischen,
japanischen oder indischen Philosophen gehört hat, für den sind allein die
Register eine wahre Fundgrube. Und wenn man anschliessend mit dem Finger die
Karten erkundet, tun sich einem ganz neue Welten auf, denn sich visuell führen
zu lassen ist etwas ganz anderes als sich einfach seinen Wort-Assoziationen
hinzugeben. Ich jedenfalls fühlte mich an die Entdeckungsreisen erinnert, die
ich vor vielen Jahren mit dem Schüleratlas gemacht hatte - und fühlte mich
bereichert. Sehr schön, dass es diesen Philosophie-Atlas gibt, meine Sicht der
Welt ist durch ihn umfassender geworden.
Da die deutsche Ausgabe des Atlasses nur noch in Restexemplaren erhältlich ist,
sei hier auch auf die italienische Ausgabe bei Einaudi "Atlante di Filosofia"
(2009) verwiesen.
Herausgegeben vom
Ammann Verlag, Zürich 2010
►Amman
Verlag
Rezensent
©:
Hans Durrer, Sargans (CH)
Beachtenswerte Links zum Autor:
http://hansdurrer.com
http://durrer-intercultural.blogspot.com |
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