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ANTIQUARIATE

 

 

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EXLIBRIS

Literatur- und Sachbuch-Besprechungen

 

 

 

 

 

 

 

Andre Dubus III: 'Der Garten der letzten Tage'

 

Andre Dubus III ist der Autor des ungemein spannenden Romans "Haus aus Sand und Nebel", der mit Ben Kingsley in der Hauptrolle verfilmt wurde, doch als Buch, wie das ja oft der Fall ist (es gibt durchaus Ausnahmen), um einiges faszinierender ist. Das nun vorliegende, 600 Seiten starke Werk, "Der Garten der letzten Tage", ist in gewissem Sinne der Nachfolger - es gab dazwischen einen Band mit Erzählungen ("Der letzte Tanz und andere Geschichten") - von "Haus aus Sand und Nebel" und so liegt der Vergleich mit dem Vorgänger nahe, doch so recht eigentlich ist es besser, von einem solchen Vergleich abzusehen, denn wenn man ein Buch vor zehn Jahren ganz atemlos gelesen hat und jetzt, in Erwartung eines ähnlichen Leseerlebnisses, zu diesem neuen Werk greift, kann man ja nur enttäuscht werden, nicht etwa, weil "Der Garten der letzten Tage" keine spannende Geschichte erzählen würde, sondern weil sich Lesererlebnisse nun mal nicht wiederholen lassen. 

Die Geschichte, die Dubus in "Der Garten der letzten Tage" erzählt, geht so:  Anfang September 2001, in Florida. Jean, die Vermieterin der Stripperin April, liegt wegen einer Panikattacke im Krankenhaus, weshalb sie, was sie sonst immer tut, nicht auf Aprils dreijährige Tochter Franny aufpassen kann und so nimmt April Franny mit zur Arbeit in den Puma Club ("Es war noch nicht ganz sechs, aber vor dem Holzzaun parkten Pick-ups und Kombis, ein Mercedes neben drei Motorrädern neben einem grauen Lexus mit goldenen Zierleisten. Wie immer alle möglichen Sorten von Männern. Egal, ob sie Handwerker waren oder in einem Hochhausbüro Anweisungen erteilten, ob sie verheiratet waren und Kinder hatten oder allein lebten und niemanden hatten - Männer waren Männer, und früher oder später, so schien es, landeten sie alle im Puma oder in ähnlichen Lokalen. Die meisten Nächte empfand sie ihnen gegenüber gar nichts; sie waren schlicht Gegenstand ihrer Arbeit, und sie bearbeitete sie. Aber heute Abend hasste sie auch diese Männer."). Einer ihrer Kunden ist ein junger, sich recht ungewöhnlich aufführender Araber namens Bassam, und dann ist da noch AJ, ein anderer Kunde, der aus dem Klub geworfen wird und in der Folge die weinende kleine Franny an der Hintertür des Clubs stehen sieht ... für Dramatik is also gesorgt. 

Die Stärke dieses Buches liegt wesentlich in den Milieuschilderungen, die einem ein etwas anderes Amerika vermitteln als die Massenmedien. So fliegt etwa der Baggerführer AJ ("Sollte sie doch mal versuchen, acht, neun Stunden täglich im offenen Führerhaus eines Baggers zu sitzen - die Stechmücken und die Dieselabgase, kein Walkman erlaubt, sodass er die ganze Zeit nichts anderes hörte als vibrierenden Stahl und das Ächzen von Arm und Schaufel, das Klappern der Motorwanne und den Haufen sinnlosen Scheiss im Kopf: schlechte Songs noch aus der Highschool vor zehn Jahren, das ununterbrochene Genörgel seiner Frau, während sie auf der Couch liegt und keinen Finger rührt, das Kontaktverbot, das sie erwirkt hat, weil sie sich einbildet, sie könnte ihn tatsächlich davon abhalten, zu ihr zu kommen, wann immer er gerade Lust dazu hat.") einfach deswegen aus dem Strip-Club, weil er mit einer Tänzerin Händchen hält.  

Dubus hat gut und viel recherchiert, er weiss, wovon er schreibt und gibt einen guten Einblick in ein den meisten wohl nicht bekanntes Alltagsamerika und gelegentlich schimmert auch Witz durch diesen solide gebauten Wälzer: "Durch die Sperrholzwände des Clubs sang Michael Bolton jetzt, dass er nicht mehr leben könne, und zugleich ertönte die Musik vom König der Löwen,afrikanische Trommeln und das hohe, kehlige Heulen  irgendwelcher sprechender, singender Tiere." Einige Seiten weiter heisst es dann: "Michael Bolton sang jetzt in höchster Tonlage, dass er nicht mehr leben könne, if living is without you, und sie wollte ihren Rock wieder anziehen ..." 

Zu hassen gebe ihm Kraft, charakterisiert Dubus den Terroristen Bassam, worauf der "New Yorker" meinte: "Doch es macht ihn nicht zu einer interessanten Figur." Das mag zwar sein, doch wieso sollten Terroristen interessante Figuren abgeben?

 

Herausgegeben von C.H.Beck, München 2009

www.chbeck.de

 

Rezensent ©: Hans Durrer, Sargans (CH)

Beachtenswerte Links:

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http://durrer-intercultural.blogspot.com

 

 

 
 

 

 

 

Ad personam

 

 

Hans Durrer studierte Rechtswissenschaften in Basel, Journalistik in Cardiff und angewandte Linguistik in Darwin; er ist Autor des Buches "Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication" (White Lotus Press, Bangkok 2006).