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Aatish
Taseer: 'Terra Islamica. Auf der Suche nach der Welt meines Vaters'
"Ein kluges und
mitreissendes Buch", soll V.S. Naipaul soll über dieses Buch gesagt haben. Und
er hat Recht, auch wenn das natürlich vor allem meint, dass dies ein Buch ist,
dass eigentlich ganz gut hätte von Naipaul selbst sein können. Man müsse hart
hinschauen, genau beschreiben, was man sieht und erlebt, die Wahrheit erzählen -
bei der Lektüre von "Terra Islamica" fühlte ich mich ständig an Naipauls Credo
erinnert.
Aatish Taseer, geboren
1980, ist bei seiner nichtmuslimischen Mutter in Indien und dann vor allem in
London und den USA aufgewachsen. Er lebt als Journalist und Schriftsteller in
London und Neu-Delhi. Dieses Buch beschreibt, wie er sich eines Tages aufmacht,
die ihm unbekannte Welt seines muslimischen Vaters zu erkunden.
So kommt er zum Beispiel
nach Istanbul, wo er mit einem jungen Marxisten zusammen das ultrareligiöse
Viertel Carsamba im Stadtteil Fatih. Für mich war das besonders spannend, da in
den zwei Monaten, die ich vor einigen Jahren in Istanbul zugebracht hatte, ich
weder von diesem Viertel gehört noch mir ein solches habe vorstellen können: "Es
begann so abrupt wie bedrohlich nach einer sanften Kurve auf der ansteigenden
Strasse. Plötzlich schien ein neues Gesetz zu gelten, demzufolge die Frauen
komplett schwarz verschleiert zu sein hatten, bis auf eine dreieckige Öffnung
für Nase und Augen. Die Männer trugen lange Gewänder und Vollbärte mit rasierten
Oberlippen. Die Buchhandlungen, von denen es hier mehr gab als anderswo, hiessen
beispielsweise Dua, Gebet, und verkauften dieselben in grünes und rotes Leder
gebundenen religiösen Bücher ...". Von einem jungen Mann "mit hellbraunem
islamischem Bart und dementsprechendem Gewand" kriegt er zu hören: "Wie wir
leben ist allein unsere Sache, und es gehört sich nicht für Aussenstehende,
Fragen zu stellen. Wir kleiden uns nach dem Vorbild des Propheten Mohammed."
Andere hingegen geben
bereitwillig Auskunft. So erläutert etwa der Student Abdullah ("kräftig gebaut,
mit rundem Gesicht, dicken Lippen und einem rostroten islamischen Bart. Er hatte
eine freundliche entgegenkommende Art und sprach zwar langsam, aber korrekt
Englisch"): "Das heutige System stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Es ist
anthropozentrisch, Unser System ist theozentrisch. Die westliche Zivilisation
sagt, wir können alles tun, was wir wollen, wir brauchen keinen Gott, um ein
kulturelles oder religiöses System aufzubauen. Das ist der Unterschied, und es
ist ein gewaltiger Unterschied."
Als in Damaskus gegen die
dänischen Karikaturen protestiert wurde und die dänische Botschaft - die Polizei
schaute tatenlos zu - mit Steinen beworfen wurde, war Taseer vor Ort. Er
berichtet u.a. von Even, einem jungen norwegischen Islam-Studenten: "Am meisten
beeindruckt hatte ihn jedoch, dass in dem Moment, als der Zug sich der Botschaft
näherte und der Gebetsruf erklang, alle stehenblieben und mitten auf der Strasse
zum Gebet niederfielen. dann standen sie auf und stürmten das Gebäude. 'Ich kann
es einfach nicht glauben, dass sie vorher gebetet haben!', stiess er hervor."
Gespenstisch. Treffend hält der Autor fest: "Hätte es keine Karikaturen gegeben,
man hätte sie erfinden müssen: All die Emotionen, die man bis dahin geschürt
hatte, und all die Frustration mussten sich irgendwie entladen."
Weiter geht es nach
Teheran. Schon allein wie Taseer diese Stadt schildert ("... eine trostlose,
wuchernde Stadtlandschaft ohne Besonderheiten, eine Stadt am Rande der
Geschichte, ohne den prägenden stempel irgendeiner Kultur, planlos gewachsen,
einzig dem Diktat der Notwendigkeit folgend, für die Einwohner Platz zu schaffen
..."), lohnt die Lektüre. In Teheran dient sich ihm dann auch ein Übersetzer an,
der angeblich für den in Pakistan enthaupteten Daniel Pearl vom Wall Street
Journal gearbeitet hatte: "Hier in Teheran von dieser lässigen, zugleich
affektierten Stimme am Telefon davon reden zu hören, jagte mir einen gehörigen
Schrecken ein. Es war die Angst vor meiner eigenen Unerfahrenheit, die Angst, in
ein Milieu ausländischer Journalisten und Korrespondenten mit zwielichtigen
Verbindungen zu geraten, das mit völlig fremd war. Ich wollte das Gespräch so
schnell wie möglich beenden. Ich fand keinen Gefallen an journalistischem
Nervenkitzel, ich verfügte nicht einmal über den dafür nötigen Schreibstil. Ich
dankte ihm und legte auf."
Es ist nicht zuletzt
diese Ehrlichkeit, die einen für den Autor einnimmt, auch wenn mir schleierhaft
ist, was ich mir unter dem Schreibstil für journalistischen Nervenkitzel
vorstellen soll.
Was dieses Buch ausmacht
und auszeichnet ist seine gelungene Mischung aus Reportage und persönlicher
Erinnerung: das ist Journalismus vom Feinsten.
Herausgegeben von C.H.Beck,
München, 2010
►C.H.Beck
Rezensent
©:
Hans Durrer, Sargans (CH)
Beachtenswerte Links zum Autor:
http://hansdurrer.com
http://durrer-intercultural.blogspot.com |
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