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Gerard
Donovan: 'Winter in Maine'
Diesem ganz wunderbaren
Roman ist ein Zitat von Marc Aurel vorangestellt, das dieses Werk treffend
illustriert: "Wer sehr lange lebt, verliert doch nur dasselbe wie jemand, der
jung stirbt. Denn nur das Jetzt ist es, dessen man beraubt werden kann, weil man
nur dieses besitzt."
Gerard Donovan ist ein
Meister im Vermitteln dieses Jetzt. Weil er genau hinguckt, weil er genau
beschreibt und weil er zu Interpretationen Abstand hält. Und das klingt dann zum
Beispiel so: "Als ich Streichhölzer, Milch, Tee, Brot und Butter gekauft und
alles im Pick-up verstaut hatte, überquerte ich die Strasse bis zum Café. Mir
fiel auf, dass der Wind auffrischte und die vereinzelten Regentropfen sich
härter anfühlten, als wären sie mit Schnee beschwert. Deshalb freute ich mich
über den Schwall warmer Luft, der mir beim Öffnen der Cafétür entgegenströmte,
über das helle Licht und die paar Leute, die über Suppe und Getränke gekauert
dasassen. Es bediente eine andere Kellnerin, doch sie brachte mir dieselbe
Kaffeesorte an denselben Tisch und sagte auch dasselbe: Lassen sie ihn sich
schmecken."
Der Protagonist, Julius
Winsome, lebt mit seinem Hund Hobbes und über dreitausend Büchern in einer
Jagdhütte in den Wäldern Maines. Dann tritt unverhofft Claire in sein
beschauliches Dasein und verschwindet nach einiger Zeit genauso unverhofft
wieder. Kurz darauf wird Hobbes aus nächster Nähe mit einer Schrotflinte
erschossen. Und Winsome beginnt einen Rachefeldzug.
Das einsame Leben in den
Wäldern und die Lektüre Shakespeares (wer dächte da nicht an Thoreaus Walden?)
hat den Protagonisten Winsome zu einem bedächtigen, überlegten und sehr
gegenwärtigen Menschen werden lassen. Daran ändert auch der Tod seines Hundes
nichts und doch ändert sich mit diesem Tod alles: Winsomes Leben gerät aus den
Fugen, er rächt sich nun an der Welt, an all dem, was er falsch findet an dieser
Welt.
Was diesen Roman
aussergewöhnlich macht, ist nicht in erster Linie der Rachefeldzug von Winsome -
obwohl, dieser ist spannend genug und das Buch ist auch ein Krimi - , sondern
die Stimmung, die Gerard Donovan zu vermitteln weiss. Man glaubt beim Lesen
selber vor Ort in diesen Wäldern zu sein, das Holz der Jagdhütte zu riechen, die
Bücher aus den Regalen zu ziehen, das Knirschen des Schnee unter den Schuhen zu
hören, zu spüren, wie die Zeit verstreicht. Donovan ist ein Meister im
Vermitteln der Gegenwart.
Es braucht wenig, so
scheint es (ist der Tod eines Hundes wenig?), dass ein Mensch ausrastet. Doch
rastet Winsome wirklich aus? Nie ist er auf seinem Rachefeldzug unkontrolliert,
ganz methodisch und überlegt (genauso wie vor dem Tode des Hundes) geht er vor.
Was sich geändert hat, ist, dass sein (stark von seinem Vater geprägtes) Leben
plötzlich eine ganz andere Richtung genommen hat.
Gerard Donovan führt mit
diesem Buch eindrücklich vor, dass es illusorisch ist zu glauben, wir hätten
unser Leben unter Kontrolle. Dass er dies am Beispiel eines äusserst
kontrolliert agierenden Menschen aufzuzeigen vermag, macht dieses raffinierte
Werk zu einem Lesegenuss erster Güte.
Herausgegeben vom Luchterhand
Literaturverlag, München 2009
►www.randomhouse.de
Rezensent
©:
Hans Durrer, Sargans (CH)
Beachtenswerte Links:
http://hansdurrer.com
http://durrer-intercultural.blogspot.com
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