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ANTIQUARIATE

 

 

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EXLIBRIS

Literatur- und Sachbuch-Besprechungen

 

 

 

 

 

 

 

Zora del Buono: 'Big Sue'

 

Irgendein Berühmter hat einmal gesagt, dass der erste Satz eines Textes der wichtigste sei, einen packen müsse. Ich bin da weniger streng, mir reicht es auch, wenn mich der erste Absatz packt. Und im Falle von Zora del Buonos "Big Sue" war genau dies der Fall. Hier ist er: 

"Kennengelernt hatten wir uns am Flughafen von Atlanta, als wir hintereinander in der Menschenschlange des Immigrationsschalters standen. Es war ein kurzes Zusammentreffen unter Fremden gewesen, in einer jener von Anspannung befreiten Situationen, in denen selbst Empfindliche den mit weissen Flocken übersäten Kragen des Vordermanns mit Gelassenheit betrachten konnten, dem Zwang widerstehend, sie in Ehefrauenmanier vom Jackett zu wedeln, schlicht erleichtert, den Flug über den Atlantik unversehrt überstanden zu haben." 

Eine deutsche Journalistin fliegt nach Savannah, Georgia, um dort über die Gullah-Kultur, einem "Gemisch aus westafrikanischen Riten, Sprachen und geheimen Codes der Sklaven und ihrer Nachfahren" zu recherchieren. Vor Ort trifft sie einen anderen Rechercheur, einen Schweizer Kunsthistoriker, der den Auftrag hat, die Geschichte einer alten Villa auf Humphrey Island vor der Küste South Carolinas, aufzuschreiben. 

Wenn ich es recht bedenke, lese ich Bücher eigentlich nicht so sehr wegen der Geschichte (ausser bei Krimis), sondern der Erfahrungen wegen, die einem vermittelt werden. Bei einer Sprachmeisterin wie Zora del Buono klingen diese dann zum Beispiel so:

"Die Entscheidung, das Schreiben bleiben zu lassen, war über Nacht gefallen vor zwei Jahren, als ich an einer Geschichte über japanische Selbstmörderinnen am Computer gesessen hatte, schlagartig angewidert von den immergleichen Worten, den Redundanzen der Gedanken und Formulierungen, die mich selber langweilten. Worte, möglichst geschickt übergestülpt auf neue Orte und fremde Menschen, denen ich nicht gerecht werden konnte. Ich war verwundert, wie andere das jahrzehntelang durchhielten, distanziert emotionale Sätze schraubten, die in  souveräner Zurückhaltung um Aufmerksamkeit heischten, stets das Ziel vor Augen, mit dieser Story einen Preis zu gewinnen, besser noch, den Preis zu gewinnen, auf der Hamburger Bühne zu stehen, beklatscht zu werden von den verkleidet wirkenden Männern und Frauen am Abend der Zuchtperlenhochkonjunktur." Treffender ist das journalistische Tagesgeschäft selten beschrieben worden. 

Und wenn wir schon beim Journalismus sind, sehr schön ist auch, wie del Buono den Photojournalismus schildert: "Er gehörte zu jenen analytischen Fotojournalisten, die erst nachdachten, bevor sie ein Bild aufnahmen, anders als die meisten, mit denen ich sonst reiste, die Stimmungen spürten, unzählige Male hintereinander auslösten, weitereilten und erst später am Bildschirm oder im Labor entdeckten, was sie eigentlich abgelichtet hatten." 

Was für mich die Lektüre zu einem Genuss machte, ist del Buonos Beobachtungsgabe,  ihr feiner Humor, ihre sprachliche Meisterschaft.

"... meine Schuhe klackerten laut auf dem Steinboden, ein uniformierter Museumswärter stellte sich zu dicht neben mich. Ich sei wohl keine Amerikanerin, sondern komme aus Europa, flüsterte er, er erkenne Europäerinnen an ihrem Gang, sie bewegten sich anders als Amerikannerinnen, aufrechter, selbstbewusster, ja einfach ungehemmter, er sehe das sofort und irre sich eigentlich nie, und bei mir erst recht nicht, the way you walk kills me." 

Unter anderem solcher Sätze wegen lese ich Bücher. Ich bin mir sicher, dass ich von nun an dem weiblichen Gang mehr Aufmerksamkeit zollen werde. Jedenfalls ab und zu. 

Und gerade noch ein Beispiel, an der Kasse des Supermarktes, weil es einfach zu schön und gekonnt erzählt ist, um nicht erwähnt zu werden:

"Der Einpacker ein uralter Mensch, ein Schlauch führte von seiner Nase zu einer Sauerstoffflasche, die Flasche hatte er neben den Plastiktütenbehälter gestellt, Sichtbarmachung eines Gebrechens, nicht demonstrativ, nur selbstverständlich: Greisenhände, die bedächtig arbeiteten, gewissenhaft die Lebensmittel in Tüten verteilten, während er der Kassiererin und mir von seiner Stationierung in Heidelberg erzählte, damals in den Fünfzigerjahren, sein Lachen bei der blitzartigen Erinnerung an die German Fräuleins, er atmete schwer, ein lungenkranker Mann am Ende seiner Tage." 

Amerika kann man gar nicht besser schildern.

 

Herausgegeben vom mareverlag, Hamburg, 2010

Mareverlag

 

Rezensent ©: Hans Durrer, Sargans (CH)

Beachtenswerte Links zum Autor:

http://hansdurrer.com

http://durrer-intercultural.blogspot.com

 

 

 

 
 

 

 

 

Ad personam

 

 

Hans Durrer studierte Rechtswissenschaften in Basel, Journalistik in Cardiff und angewandte Linguistik in Darwin; er ist Autor des Buches "Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication" (White Lotus Press, Bangkok 2006).