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Hans
Magnus Enzensberger:
Fortuna
und Kalkül. Zwei mathematische Belustigungen.
Es sei gleich gesagt:
dieses Büchlein ist ein sprachlicher und intellektueller Genuss. Schon wie es
anfängt: "Immer diese Ungewissheit! Nur wer tot ist, geht kein Risiko mehr ein.
Solange das Gedächtnis der Menschheit zurückreicht, hat sie Praktiken erfunden,
um mit den scheinbar unberechenbaren Wechselfällen ihrer Existenz fertig zu
werden. Ohne Schamanen, Wahrsager, Magier, Sterndeuter und Priester ist keine
frühe Gesellschaft ausgekommen. Orakel, Amulette, Beschwörungsformeln gehörten
zu den unentbehrlichen Techniken, um das Schicksal des Kollektivs und des
Einzelnen zu deuten und zu beeinflussen. Alle diese Mittel erfreuen sich
bekanntlich auch heute noch grosser Beliebtheit ... Mit diesen uralten und
bewährten Methoden hat die Moderne sich natürlich nicht zufrieden geben wollen.
Das wissenschaftliche Denken war im Gegenteil entschlossen, mit dem, was sie
Aberglauben nannte, radikal aufzuräumen. An die Stelle der Unvernunft sollte das
Kalkül treten - ein Projekt, das nichts Geringeres im Sinn hatte als die
Rationalisierung des Glücks. Nicht mehr vom Schicksal sollte fortan die Rede
sein, sondern von seiner bis auf die Knochen abgemagerten Schwundstufe: vom
Zufall."
Enzensberger zeigt in
diesem sehr amüsant zu lesenden Bändchen (knappe 55 Seiten Text) anhand der
Geschichte der mathematischen Theorien sehr schön auf, wie diese uns Sicherheit
und Glück verschaffen wollen. Obwohl ich vieles nicht verstanden habe ("Ohne
Gruppentheorie, die auf Pionierarbeiten von Galois, Abel, Lagrange, Cauchy, Lie
und andere zurückgeht, gäbe es keine Quantenmechanik. Das Feynmansche
Pfadintegral, eine präzisere Formulierung von Schrödingers Wellengleichungen,
wäre ohne die komplexen Zahlen nicht darstellbar; und die Symmetrie der
Eichinvarianz geht auf die Gleichungen Maxwells aus dem Jahr 1865 zurück, der
natürlich von den Quantentheorie keine Ahnung haben konnte"), habe ich die
beiden Texte doch mit Gewinn gelesen. Das liegt daran, dass sie glänzend
geschrieben sind und mir Einsichten verschafften, die mir wesentlich sind. Und
ganz speziell diese hier: "... dass die reine mathematische Abstraktion
unvorhersehbar, aber passgenau und experimentell verifizierbar greift, wo es um
die Erforschung und Manipulation unserer Umwelt geht." Wie Robert Musil in
seinem Essay "Der mathematische Mensch" fest hielt: "Mit Ausnahme der paar von
Hand gefertigten Möbel, Kleider, Schuhe und der Kinder erhalten wir alles unter
Einschaltung mathematischer Berechnungen. Dieses ganze Dasein, das um uns läuft,
rennt, steht, ist nicht nur für seine Einsehbarkeit von der Mathematik abhängig,
sondern ist effektiv durch sie entstanden." So recht eigentlich ist das ein
veritables Wunder, denkt man sich da, doch "plötzlich, nachdem alles in schönste
Existenz genbracht war, kamen die Mathematiker - jene, die ganz innen
herumgrübeln - darauf, dass etwas in den Grundlagen der ganzen Sache absolut
nicht in Ordnung zu bringen sei; tatsächlich, sie sahen zuunterst nach und
fanden, dass das ganze Gebäude in der Luft stehe ... Man muss daraufhin
annehmen, dass unser Leben bleicher Spuk ist; wir leben es, aber eigentlich nur
auf Grund eines Irrtums, ohne den es nicht entstanden wäre."
Herausgegeben vom
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009
►www.suhrkamp.de
Rezensent
©:
Hans Durrer, Sargans (CH)
Beachtenswerte Links:
http://hansdurrer.com
http://durrer-intercultural.blogspot.com |
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