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ANTIQUARIATE

 

 

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EXLIBRIS

Literatur- und Sachbuch-Besprechungen

 

 

 

 

 

 

 

 

Eva Herman: 'Die Wahrheit und ihr Preis'

Eva Herman war 18 Jahre lang Tagesschau-Sprecherin bei der ARD und von 1997 bis 2007 Ko-Moderatorin der NDR-Talkshow Herman & Tietjen. Sie tat noch einiges mehr, doch mir ist sie aus diesen Sendungen bekannt - dass ich sie besonders mochte, kann ich nicht behaupten. So richtig aufmerksam auf sie wurde ich jedoch erst, als die Medien sich auf ihr "Eva-Prinzip" einschossen mit dem Argument, der Tenor dieses Buches sei: Frauen zurück an den Herd, unter den Nazis war nicht alles schlecht und die 68er sind am Untergang der Familie schuld. Irgendwann kam dann noch die Sendung mit Kerner, als dieser Frau Herman aus der Sendung warf, weil sie partout nicht einsehen wollte, weshalb sie sich für etwas entschuldigen sollte, dass sie weder gesagt hatte, noch vertrat.

Auf diesem Hintergrund begann ich die Lektüre von "Die Wahrheit und ihr Preis". Unter dem Titel "Gender Mainstreaming" stiess ich dann auf den Satz: "Gender Mainstreaming ist das grösste und gefährlichste Umerziehungsprogramm der Menschheit." In Hermans Interpretation bedeutet das, dass es gemäss der EU und der UN, "es das klassische Geschlecht von Mann und Frau in Wirklichkeit gar nicht gibt" und dass jeder Mensch geschlechtsneutral zur Welt komme - das nun findet Herman total absurd (zu Recht, wie ich meine) und läuft dagegen Sturm. Nur eben: die Gender-Definition der Europäischen Union und der Vereinten Nationen, die angeblich behaupten, dass wir geschlechtsneutral zur Welt kommen, habe ich in "Die Wahrheit und ihr Preis" nicht gefunden. Hingegen stiess ich auf ein Zitat von Jean-Claude Juncker, der erklärt wie Politik funktioniert: "Wir beschliessen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein grosses Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter - Schritt für Schritt, bis es kein zurück mehr gibt." 

Fasziniert von dieser akkuraten Politik-Darstellung, erwähnte ich in zwei Gesprächen mit guten Freundinnen, dass ich das Juncker-Zitat bei Eva Herman ... doch kaum fiel Hermans Name, war es aus mit der Verständigung. Interessanterweise sind beide Freundinnen sehr eigenständig denkende Zeitgenossinnen, die gar nicht etwa alles glauben, was sie lesen und hören.

Meine beiden Freundinnen sollten, anstatt auf die Medien für die Massen zu hören, dieses Buch lesen. Nicht weil es so besonders gut geschrieben ist (es ist es nicht), sondern weil es ein Lehrstück über das Meute-Verhalten der Medien ist. Ungeprüft wird da voneinander abgeschrieben, hinterfragt wird selten was: alle tun, was alle anderen auch tun.  

Damit keine Missverständnisse entstehen: ich finde Eva Hermans Bild der 68er grotesk, ich halte sie für eine sture, rechthaberische Eiferin (nur eben: das sind ihre Feindinnen Alice Schwarzer und Thea Dorn auch) und ich finde ein Buch, das zur Hauptsache aus dem Nacherzählen einer Fernsehsendung aus dem Blickpunkt der Autorin handelt, so recht eigentlich eine Zumutung (wobei: ganz ohne Reiz ist es schon nicht, wenn man da erfährt, was der Protagonistin - allerdings im Nachhinein - so alles durch den Kopf geht, nur nicht gar so ausführlich bitte). 

À propos Thea Dorn: "Thea Dorn heisst eigentlich Christiane Scherer, schien durch ihr Studium jedoch so restlos begeistert von dem als hochbegabt bekannten Philosophen Theodor W. Adorno, dass sie sich kurzerhand nach ihm benannte." 

Doch was fordert Eva Herman denn eigentlich wirklich? "Ich versuche deutlich zu machen, dass ich immer dafür war, dass Frauen arbeiten und einen Beruf haben sollten, plädiere dann aber nach Astrid Lindgren mit den Worten: Aber wenn dann Kinder kommen, sollten Frauen zumindest in den ersten Jahren bei den Kindern bleiben können und nicht denken: Welch eine Schande, dass ich heute zu Hause bleiben muss." 

Wenn die politisch-mediale Korrektheit eine solche Auffassung heutzutage nicht verträgt, ist das Problem die politisch-mediale Korrektheit und nicht diese Auffassung.

 

Herausgegeben vom Kopp Verlag, Rottenburg, 2010

Kopp-Verlag

Rezensent ©: Hans Durrer, Sargans (CH)

Beachtenswerte Links zum Autor:

http://hansdurrer.com

http://durrer-intercultural.blogspot.com

 

 

 
 

 

 

 

Ad personam

 

 

Hans Durrer studierte Rechtswissenschaften in Basel, Journalistik in Cardiff und angewandte Linguistik in Darwin; er ist Autor des Buches "Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication" (White Lotus Press, Bangkok 2006).