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Elmar
Holenstein: 'China ist nicht ganz anders.' Essays
Damit es gleich gesagt
ist: Zwei der in diesem schmalen Band versammelten vier "Essays in global
vergleichender Kulturgeschichte" sind bereits in anderen Verlagen erschienen und
zwar noch gar nicht so lange zurückliegend: 'Komplexe Kulturen' in 2006 (Bautz),
'China - eine altsäkulare Zivilisation' in 2008 (Romero Haus). Die Texte über
'Chinesisches in europäischen Alphabetschriften' und 'Die Schweiz - ein
Studienobjekt interkultureller Politologie' sind in dieser Form noch nicht
publiziert worden.
Es sei an der Zeit, über
einfache Zweiteilungen wie Osten und Westen, Christentum und Islam, Europa und
China hinauszukommen, liest man in der Einleitung. Unterstrichen wird dies mit
einem sehr schönen Zitat von Hermann Hesse, der im Dezember 1921 in der NZZ
schrieb: "... wir sehen im alten China Hinweisungen auf eine Denkart, welche wir
allzusehr vernachlässigt haben; wir sehen dort Kräfte gepflegt und erkannt, um
welche wir uns, mit anderem beschäftigt, allzu lange nicht mehr gekümmert
haben."
Man müsse sich vor den
grossen Vereinfachern hüten, schreibt Holenstein, der selber keiner ist, sondern
ein differenziert argumentierender Intellektueller, der sich wohlformuliert und
verständlich auszudrücken versteht. Das liest sich dann zum Beispiel so:
"Zu keiner Zeit waren die
konventionellen Grenzen Europas auf der ganzen Linie zugleich klimatische,
ethnische, staatliche, ökonomische, sprachliche, religiöse oder
Mentalitätsgrenzen. Selbiges gilt für Südasien (Indien), das von der übrigen
asiatischen Landmasse geographisch deutlicher abgegrenzt ist als Europa. Erst
recht gilt dies für das "Mittelland" Zhongguo (China) mit seiner
unbeständigen Ausdehnung, seinen Aufspaltungen, Sezessionen und
Fremdherrschaften, mit seinen freiwilligen und unfreiwilligen Tributstaaten und
mehr oder weniger sinisierten, abwechselnd sinophilen und sinophoben
Nachbarregionen.
Im gleichen Klima
gedeihen Raub- und Beutetiere und spalten sich die Menschen in Kriegsbefürworter
und Kriegsgegner. Sprecher der gleichen Sprache gehören verschiedenen Religionen
an. Anhänger der gleichen Religion pflegen eine untertschiedliche Philosophie,
eine rationalistische die einen, eine mystische die anderen. Im gleichen
industrialisierten Staat gibt es Kapitalisten und Sozialisten."
Wie kommt das? Warum sind
kulturelle Traditionen nicht wirklich homogen? Holenstein lesen, kann man da nur
sagen. Gescheite Überlegungen dazu finden sich im Essay 'Komplexe Kulturen'.
In 'China - eine
altsäkulare Zivilisation' wird dargelegt, dass in China die Trennung von
Religion und Moral (die der Autor gewichtiger für eine säkuläre Gesellschaft
hält als die formelle Trennung von Kirche und Staat) eine Selbstverständlichkeit
ist, und zwar seit bereits zweieinhalbtausend Jahren (am Rande: unter Tausenden
von Jahren geht in China gar nichts: jeder Besucher des Landes wird innert
kürzester Zeit darauf hingewiesen, dass es sich bei der chinesischen um eine
5'000jährige Kultur handelt). Bemerkenswert ist übrigens, dass diese Trennung
kulturkampflos erworden wurde.
Im Essay "Chinesisches in
europäischen Alphabetschriften: Ein Versuch in vergleichender Schriftgeschichte"
wird im Teil über 'Terminologische Vorabklärungen' darauf hingewiesen, dass wer
"über elementare sprachwissenschaftliche und/oder schriftgeschichtliche
Kenntnisse" verfüge, diesen Abschnitt "selbstverständlich überspringen" könne.
Anders gesagt: der Text setzt ein ziemlich ausgeprägtes einschlägiges Interesse
voraus. Das gilt auch für den vierten und letzten Essay, der sich jedoch nicht
mit sprachwissenschaftlichen und schriftgeschichtlichen sondern mit juristischen
Fragen auseinandersetzt. Auch hier findet man wieder den Hinweis, dass sich die
Kulturen gar nicht so unterscheiden, sondern dass man in der Regel in der einen
Kultur etwas in den Vordergrund rückt, was in der anderen im Hintergrund bleibt.
So sind zum Beispiel informelle Konfliktlösungen, die in Japan und China
prominent vertreten sind, auch der Schweiz nicht fremd (Deutschland hingegen
schon, möchte man da sofort beifügen). Worum es dem Autor ganz zentral geht,
drückt er im letzten Absatz dieses Essays so aus:
"Ein Netz von
typologischen Gemeinsamkeiten kreuz und quer über politische Grenzen,
geschichtliche Entwicklungsläufe und geographische Entfernungen hinweg bietet
Leitfäden an, denen folgend die politologische Verständigung und die politische
Zusammenarbeit eine vielförmige Gestalt gewinnen können."
Noch dies: die
offensichtlichen Sympathien, die Holenstein China entgegen bringt, treiben
manchmal auch etwas eigenartige Blüten. Als der Dalai Lama im Jahre 2005,
anlässlich der Jahrestagung der Society of Neuroscience in Washington D.C., zu
einem Vortrag eingeladen wurde, protestierten 500 Neurowissenschaftler, die
vorwiegend chinesischer Abstammung und in den USA tätig waren. In Erwägung
ziehen könnte man, meint Holenstein, dass der Protest nicht nur, wie die Presse
unterstellte, aus Willfährigkeit gegenüber der chinesischen Regierung erfolgte,
sondern "auch damit zu tun haben könnte, dass in China in der Vergangenheit die
Kritik an der buddhaitischen Religion immer wieder mit dem Obskurantismus und
Zelotentum begründet wurde, denen gegenüber buddhaitische Mönche wie Anhänger
auch aller anderen grossen Religionen nicht immer immun waren. Religiöses
Schwärmertum und von charismatischen Religionslehrern genährte Unruhen sind im
allgemeinen Geschichtsbewusstsein in China präsent geblieben und werden von
einem Teil der Regierenden gezielt präsent gehalten. Entsprechend ist keineswegs
bloss die Regierung möglichen Anfängen in die Richtung überempfindlich auf der
Hut." Das kann schon sein, doch ohne dass dem Leser der Wortlaut dieses
Protestes mitgeteilt wird, bleibt dies eine ziemlich obskure Behauptung.
Herausgegeben vom Ammann
Verlag, Zürich 2009
►www.ammann.ch
Rezensent
©:
Hans Durrer, Sargans (CH)
Beachtenswerte Links:
http://hansdurrer.com
http://durrer-intercultural.blogspot.com |
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