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Ambulare necesse est
Kennen Sie ihn noch, Herrn
Chevalier de Biedermeier, den Berufsflaneur? Gesetzten Schrittes, mit
venezianischem Silberknaufstöckchen, nach allen Seiten sein distinguiertes,
wohlwollendes Nicken spendend, Damen gegenüber galante Verbeugungen andeutend,
vor den anderen, mindestens gleichwertigen Honoratioren jovial beziehungsweise
geziemend den Hut lüpfend? Eine schöne Zeit, die Zeit des Chevalier.
Ambulare
bedeutet spazierengehen. Umso unverständlicher erscheint es, warum das Wort
Ambulanz, Inbegriff von Hektik und Sekundenschinderei, davon abgeleitet
wird. Oder ist durch das Spazierengehen eventuell doch irgend etwas zu retten?
Es gibt
keinen Zeifel daran, daß Spazierengehen gesundheitsförderlich ist: Gemächlich
spazieren, um die Verdauung zu unterstützen; um das eine oder andere Schnäppchen
an frischer Luft zu ergattern; um Sonne ins verhärmte Gemüt zu locken.
Ist das
jedoch alles? Mitnichten. Schürft man nämlich tiefer, wird es rätselhaft. Fragen
über Fragen tun sich auf, so daß nurmehr die Wissenschaft helfen kann. Die gibt
es an der Universität zu Kassel. Hier residiert der Inhaber des einzigen
Lehrstuhls für Promemadologie.
Wie ein Haus
bewohnt werden muß, damit man sich darin wohlfühlt oder es nicht über kurz oder
lang in sich zusammenfällt, weil ihm die Seele fehlt, so ist Spazierengehen
nötig. Zum eigenen Wohle und zum Wohl des Objekts. In schaurig-morbider
Umgebung, sprich, dem deutschen Wald? Fehlanzeige, denn der ist nicht moribund,
geschweige denn schon gestorben, wie die Waldwissenschaftler es unbedingt haben
wollten, sondern erfreut sich gerade in diesem Jahr bester, ungewöhnlich
frühzeitiger Rekonvaleszenz, muß daher vorläufig auch nicht gerettet werden.
Vorläufig heißt freilich, bis Rinderwahnsinn und Vogelgrippe endlich
wiederkehren, und die Klimakatastrophe nichts mehr hergibt.
Nein, nein,
etwas ganz anderes muß gerettet werden: Der Blick fürs Urbane. Wo bietet die
Urbanität Spazierwege? Wo findet der Spaziergänger öffentliche
Bedürfnisanstanstalten? Wo kann er Obdachlosenunterkünfte und Armenküchen
besichtigen? Wo informieren Litfaßsäulen den Bildungsbeflissenen? Wo sind
U-Bahnhöfe, die vor plötzlichem Regen schüzen? Wo ist der preiswerteste
Hundefriseur? Wo ergötzen den Spazierer Ampelanhäufungen, an denen es besonders
oft kracht? Wo befinden sich Telefonzellen, aus denen man kostenlos die
Feuerwehr anrufen kann? Wo sind Luftschutzkeller, wenn überraschend der Krieg
ausbricht? Wo kann man ein Fahrrad klauen, um im Fall des Notfalls ein wenig
schneller voranzukommen? Wo sind Rikschaparkplätze? Wo kann man sein
Fernsehhandy aufladen? Welche ist die treffsicherste Wahrsagerin in der Stadt?
In welchem Park wird ein Platz angeboten, wo man Vorträge halten kann wie in
London? Von wo aus hat man den Erste-Reihe-Blick in eine interessante
Tiefbaustelle?
Der
Promenadologe erforscht das anthropologische Phänomen des Spaziergehens in
seiner Wechselbeziehung mit dem ambulanten Jagdverhalten, untersucht
sozialpsychologische und soziologische Backgrounds, erstellt Übersichten,
Graphiken, Frequentationskurven, entwickelt Implementierungsinnovationen und
bildet Nachwuchs aus. Seine Wissenschaft boomt.
Die
Studiosi/ae, auf der Suche nach dem ultimativen Kick, des von Opa gestifteten
Porsche längst überdüssig, schreiben sich in Scharen zum Studium ein, so daß
bereits ein Numerus Clausus in Erwägung gezogen wird. Grundvoraussetzung ist ein
nachweisbarer Spaziergang vom Nordkap bis Kapstadt. Doch auch wissenschaftliche
Hilfskräfte aus dem Hartz IV-Lager werden dringend gebraucht. Sie müssen dann
nicht mehr auf der Straße stehen, sondern dürfen dort gehen. Man hüte sich also,
den Spaziergänger oder gar den Promenadologen des Müßiggangs zu zeihen oder zu
behaupten, er sei ein fauler Strick.
April? Nein,
derher Mai ist gekohommen, die Bäume schlagen aus. Daha bleibe, wer Luhust hat,
mit Sohorgen zuhaus.
Verantwortlich (c) für Text und
Inhalt: Wilhelm Weglehner, Thalmässing.
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