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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

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Caput mortuum

Golgatha,

das heißt verdeutschet: Schädelstätt.  Man kann sie in manchen Karnern auf ländlichen, von der Welt vergessenen Friedhöfen noch liegen sehen, zwar nicht unterkreuzt wie auf einer E 605-Flasche, aber doch sorgsam aufgeschichtet, eingerahmt von Rippen und Beckenresten, Knochen der Elle und Speiche und des Schienbeines, und sich schaurige Gedanken machen im eigenen, noch gut mit Hirnmasse gefüllten Haupt.

Gedanken, was sich wohl einstens darin verbarg, zu einer Zeit, als es zwar schon möglich war, Schädel aufzumeiseln und darin um­herzustöbern, jedoch nicht, wie heutzutage, daraus Schlüsse praktisch jedweder Art und Richtung zu ziehen.

Omnia mea mecum porto... sprachen die alten Lateiner, denen man dieses Attribut zu Unrecht verpaßte, waren sie doch auch einmal jung gewesen, und wir könnten ergänzen ...in capute meo. Zu deutsch: Alles, was ich besitze, trage ich mit mir herum... in meinem Kopfe. Warum sollte die Wissenschaft also nicht fündig werden, und niemand kann a priori sagen, welch wunderbare Schätze sich eventuell darin verbergen.

In den Schädeln des Karners freilich nicht mehr. Die sind ausgeblasen wie die Ostereier. Doch unsere Gedanken, die Gedanken des Betrachters, sind lebendig und strömen vor allem frei durch die gewundenen Weichregionen. Wohlan, das Genie dort hinten zum Beispiel. Sieht man ihn so harmlos daliegen, traut man es ihm eigentlich nicht zu, dem vierschrötigen Behältnis. War es das eines Mathematicus, eines Logarithmicus? Oder der auf der anderen Seite. Ein Grammaticus? Ein Literaticus? Weit genug vom Mathematicus liegt er jedenfalls in ewiger Ruhe vor Zahlen, Buchstabenzahlen und kryptischen Zeichen. Der auf der Höhe des Berges: Ein leuchtender Artifex Maximus? Strahlen nicht bengalische Feuer von ihm aus? Oder ein Musicus in seiner Lieblichkeit? Der Hinterkopf scheint entsprechend ausgewölbt.  

Unten rechts in der Niederung, zu Unrecht ausgegrenzt, weil vielleicht einer der Sonderspezies Homo Rerum Politicorum, dem nichts mehr am Herzen lag als das gemeine Wohl an letzter Stelle? Der ausgemergelte, lorbeerbekränzte dorten, von anabolischen Spurenelementen gezeichnete?  Der eines gefeierten Sporticus?

Weit hinten, die Einkerbungen einer Schirmmütze deutlich erkennbar: Ein Strumpfbandführer oder wie das hieß in einem 1000-jährigen Reich?

Hier, ganz vorne: Auf einem Podest thront er, der in milder Güte noch immer lächelnde Charakterkopf eines Wohltäters. Doch Einhalt! Im Namen und mit Rücksicht auf die Schwarzgeldkonten der noch Lebenden seiner Art.

Auch ganz unten der eines höher entwickelten Primaten? Schluß! Im Namen des Artenschutzes und der Würde der Vorfahren.

Der da so frech grinst, ist es der eines Schurken oder eines verdienten Managers? Stop! Im Namen der Resozialisierung und des Persönlichkeitsschutzes. Auch im Tode hat der Gestrauchelte ein Anrecht darauf. Der eines an den Grenzen seiner Kunst frühzeitig selbst zugrunde gegangene Medicus? Ende! Im Namen der Klinikverwaltungen. Wie viele Patienten harren geduldig und vertrauensvoll der Hände von raren und bescheidenen Schnittmeistern?

Was mögen erst Grüfte bergen? Wirkliche Großköpfe werden nämlich in Grüften verborgen. Wäre ja noch schöner, kämen irgendwelche Schnüffler darauf, an ihnen  rumzukratzen.

Wenden wir uns lieber ab von Golgatha auf dem ländlichen Friedhof, betrachten uns wenigstens ein Mal genau im Spiegel und stellen wohlwollend fest: Die hoch gewordene, botoxresistente Denkerstirn, ja...; die flinken Kunstlinsenaugen, ja...; die Blendzahnvollprothese, die jeden Gordischen Knoten mühelos zermalmt, ja...; die hypertonisch pulsierenden Schläfenadern, ja...; der ausgewölbte musikalische Hinterkopf, ja... Was können wir daraus schließen? Sehen wir das Abbild eines Mathematicus, eines Grammaticus, eines Literaricus, eines Artifex Maximus, eines Musicus, eines Sporticus, eines Medicus in einem einzigen Prachtstück vereint?

Halt, jetzt, da der sich selbst Betrachtende erinnert und leicht errötet, nicht wegen mäßiggradig erhöhten Bluthochdruckes: Strumpfbandsammler heißt es korekt. Hat nur in Einzelfällen etwas zu tun mit 1000 Jahren verrottetem Geschichtsmüll. Ach, wie war sie schön, die Zeit des Jägers und Sammlers!

Ruhe! Im Namen des Geistes und gesunden Übermutes. Schlüsse ziehen können wir bereits, so laßt uns also lernen, nicht wie ein   Regenwurm, verfügte er auch über einen Regenwurmintelligenzquotienten von 150.

Dezenter Hinweis eines Lernwilligen: Hände, Gelenke oder Fußknöchel verraten mehr über den Sterblichen, die Gebresten des Weisen im fortschreitenden Alter. Sogar bei denen, die da tönen: „Und sollte ich wirklich einmal sterben... Adieu, Golgatha, nicht mit mir!“  

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Wilhelm Weglehner, Thalmässing.

>Kolumne März 2007 I Februar 2007

 

 
 
 

 

Ad personam

 

 

Wilhelm Weglehner ist Autor der vieldiskutierten Bücher

 

'Der Viehhändler' sowie 'Nahkampf', beide verlegt bei MABASE