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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

TEMPUS FUGIT

 

Das Phänomen der Zeit in der deutschen Dichtung

 

 

 

 

 

 

 

Rechtfertigung

 

Wohl geht der Jugend Sehnen

Nach manchem schönen Traum,

Mit Ungestüm und Thränen

Stürmt sie den Sternenraum.

Der Himmel hört ihr Flehen

Und lächelt gnädig nein

Und läßt vorübergehen

Den Wunsch zusamt der Pein.

 

Wenn aber nun vom Scheine

Das Herz sich abgekehrt

Und nur das Echte, Reine,

Das Menschliche begehrt

Und doch mit allem Streben

Kein Ziel erreichen kann:
Da muß man wohl vergeben

Die Trauer auch dem Mann.

 

Das Gedicht ist gewiß kein großer dichterischer Wurf, es will es auch nicht sein - denn Uhland war kein Dichter vom Format eines Eichendorffs oder Hebbels, er war ein an der Jurisprudenz geschulter Kopf, arbeitete zeitweilig als Anwalts des Rechtes, gab ein 'Blatt für ungebildete Stände' heraus, betätigte sich politisch, war Lehrstuhlinhaber und späterhin Privatgelehrter - er hatte also vielerlei Gelegenheit des Eintauchens in das, was man gemeinhin das Leben nennt. Vor diesem Hintergrund sind seine Verse ums Begehren und Vergehen zu verstehen. Sie sind in Zeit gefaßte Präambeln eines von unerfüllten Wünschen getragenen Seins, sie symbolisieren die fliehende Zeit, die uns unerfüllt zurückläßt, die zur reinen Makulatur wird. Sie erfüllen nicht ihren Zweck, nämlich als ungeschriebene Päambeln seelisches Geleit und Richtschnur zu sein, sie beschwören lediglich ein theoretisches Vorhandensein hehrer sinnlicher Güter. Diese in Taten zu gewanden ist unendlich schwer; Uhland erfuhr es wie viele Ungenannte und Unbekannte am eigenen Leibe. Daß er uns solche Einsichten hinterließ dankte er nicht sich selbst, vielmehr seinem in gewissen Grenzen, man kann sagen engen Grenzen, überschaubaren Talent. Er ist ein sperriger schwäbischer Dichter, fern jeder Leichtigkeit und eher verschlossen, wenn es ums Offenlegen der eigenen Befindlichkeit geht. Erst in seinen politisch akzentuierten Dichtungen blüht er auf - er war eben ein Kopf, den das ius erfüllte und nicht der Jambus. Das schmälert nicht seine Verdienste, aber er kleidet die Zeit als Phänomen, das sich am Menschen vergreift, in andere Worte, die wenig Mitleiden ausdrücken, sie stellen vielmehr eine Wertung dar, eine de-jure-Faktizität: Da muß man wohl vergeben / Die Trauer auch dem Mann. So ist's, hier ergeht Gnade vor immaginärem Recht. Uns lehrt es eines, nämlich die Unsinnigkeit nach den Sternen greifen zu wollen und das Bescheidenmüssen mit dem, was uns Talent, Willen und vielleicht günstige Winde des Schicksals zubilligen. Manchen weht es in eine ihn beglückende Richtung, manche in eine ihnen noch akzeptable erscheinende, die meisten indes dorthin, wo sie sich bequemerweise niederzulassen bemühen. Sie erfüllt fortan eine unstillbare Sehnsucht nach dem, was sie 'ein besseres Leben' nennen. Uhland gehörte unter den Dichtern dazu. Er wurde 75 Jahre alt, und die Zeit war zeitlebens sein harscher Gegner. Hinterlassen hat er uns unter ihrer Ägide einiges, das zu denken gibt. Tröstendes ist nicht dabei.

 

Ludwig Uhland aus: 'Gedichte und Dramen' (Originaldiktion)

J.G.Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart, (o.Jahreszahlangabe).

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.

>Uhland I Mörike I Lenau I Hebbel

 

 
 
 

Ad personam

 

 

J. Michael Baerwald ist Herausgeber der Buchmarkt-Portale

 

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