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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

TEMPUS FUGIT

 

Das Phänomen der Zeit in der deutschen Dichtung

 

 

 

 

 

 

 

Die vermißte Sonne

 

Könnt' ich meiner Sonne nur

Schaun' in's helle Angesicht!

Alles Leid, das ich erfuhr,

Kümmerte so sehr mich nicht

Als daß sie ihren Liebesschwur,

Den sie mir geschworen, bricht.

O wie öd' ist Erdenflur

Unverklärt von Himmelslicht!

Heute fällt mir schwer auf's Herz,

Daß die Welt nicht wohl mir thut.

O November, wärst du März,

Und ich hätte Frühlingsmuth!

Alles Unglück ist eine Scherz,

Wo der Blick auf Blumen ruht,

Und wie Schnee zerschmilzt der Schmerz

An der Sonne Liebesgluth.

 

Die Möglichkeit, gar die Wahrscheinlichkeit, der Zeit zu entfliehen, ist uns Sterblichen nicht gegeben. Friedrich Rückerts Vita beweist uns nur allzugut, welches Streben in ihm wirkte und weshalb es sich wie in diesem schönen Gedicht - einer Ode an die Sonne - gerade mit solchen Worten artikulierte. Er mußte einfach ihren Odem atmen, in ihre Wärme eintauchen, denn zeitlebens war er ein Wanderer zwischen den Welten, und zwar im physischen wie im spirituellen Sinne: Studium der Rechte und Abbruch, später das der Philologie und Ästhetik, Übersetzung des Korans, Anstellung bei Cotta, Professor für Orientalistik, dann die eher ungeliebte Berufung nach Berlin durch Friedrich Wilhelm IV (der er durch steten Wechsel in die Heimatgefilde wenigsten zeitweilig zu entfliehen suchte) - und so darf man seine literarische Produktivität getrost als Fluchtmedium bewerten. Seine zehn Kinder, von denen zwei frühzeitig starben, waren nicht in der Lage, die Unruhe seiner Seele zu besänftigen. Daher dieses Gedicht Die vermißte Sonne, die alles über seine Psyche aussagt. Die Zeitspanne zwischen November und März, fast ein halbes Jahr, schien ihm ein Greuel zu sein, ein solches Greuel sogar, daß er es auf sich nehmen würde, alles widerfahrene Leid mit Gleichmut zu ertragen, entzöge sie ihm nur nicht ihre Gunst, metaphorisch als Liebesschwur in die Seelenlandschaft inkarniert. Wer seine Kindertodtenlieder, fast 400 an der Zahl, kennt, der weiß um sein tiefinneres Leiden am so frühen Hingang zweier seiner an der teuflischen Krankheit Scharlach zu Tode gekommenen Kindchen. Und so trägt die Zeit auch in seiner Dichtung den Makel aller mit einem Malus belegten Insignien: Sie zerstückelt unser Hiersein voller Unbarmherzigkeit, bis es dem physischen Körper gefällt, diese barbarische Welt aufzugeben. Friedrich Rückert litt als Dichter hoher Gnaden, und er litt damit untrennbar als Mensch. Allen, denen es an der Liebe zur vergehenden Zeit gebricht, die, wie es heißt, ja auch Wunden heilen soll, werden seine fast verzweifelte Hinwendung an das Sonnengestirn begreifen als eine Suche nach Trost vor dem, was Zeit uns an Lasten aufbürdet. Sie wird von ihnen in der Rang des universell gültigen Kreislaufes von Natur und spiritutellem Leben gehoben. Zurecht, denn nur wer vergißt, welche Trost- und Lebensspenderin sie ist, wird in Rückerts Gedicht Weinerlichkeit und Verzagtheit ausmachen. Beides ist irrig, denn es ginge von der Annahme aus, wir könnten der Wärme dauerhaft entbehren. Solcher Hybris erlag Rückert nicht.

 

Friedrich Rückert aus: 'Gedichte' (Originaldiktion)

J. D. Sauerländer's Verlag, Frankfurt am Main, 1872.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.

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Ad personam

 

 

J. Michael Baerwald ist Herausgeber der Buchmarkt-Portale

 

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