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Verborgenheit
Laß, o Welt, o laß mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Laßt diese Herz alleine haben
Seine Wonne, sein Pein!
Was ich traure, weiß ich nicht,
Es ist unbekanntes Wehe;
Immerdar durch Tränen sehe
Ich der Sonne liebes Licht.
Oft bin ich mir kaum bewußt,
Und die helle Freude zücket
Durch die Schwere, so mich drücket
Wonniglich in meiner Brust.
Laß, o Welt, o laß mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Laßt diese Herz alleine haben
Seine Wonne, sein Pein!
Eduard Mörike, der durch seinen dreimal
neuverfaßten Opus Maler Nolten reüssierte, litt an seiner Passion wie
jeder wahre Dichter an den sich selbst auferlegten Pflichten leidet. Die Zeit,
die unter seinen Fingern verrann und ihn auf den Broterwerb als Pfarrer zu
reduzieren beabsichtigte, konnte sich dennoch nicht an ihm vergehen, jedenfalls
nichts vollends. So gebaren die Tränen der Enttäuschung über seine 'mißrat'nes
Leben' nicht nur Schwermütiges, ja fast schon Elegisches, sondern sie schufen
auch Episoden der Enthobenheit vom Alltag. Umso schwerer wog dies für ihn, als
er gar nicht für ein Kirchenamt geschaffen schien. Trost zu spenden hatte er
selbst bitter nötig. So ist die Sentenz 'Immerdar durch Tränen sehe ich der
Sonne liebes Licht' erst zu begreifen - wenn man hinter den Menschen in
seiner von den Zeitumständen oktroyierten Fassadenhaftigkeit blickt. Wenngleich
das Trauriggestimmtsein überwog, so bildeten doch Inseln des (seelischen)
Lichtes Momente der Glückseligkeit, und 'die helle Freude zücket durch die
Schwere, so mich drücket wonniglich in meiner Brust.' Mörikes Empfinden
eines nicht in Worten auszudrückenden Wohlgefühls, welches uns alle, Dichter
bilden da keine Ausnahme sui generis, blitzartig zu nicht festzulegender Stunde
erfüllt, ist somit synonym für alle ihrer Empfindungen nicht beraubten Wanderer
durch Zeit und Raum. Wie aber können Empfindungen, die sich als empathisches und
emphatisches Angerührtsein jäh einstellen, verkümmern und unter den Einflüssen
der Zeit verstümmelt werden? Die Zeit, die flieht, reißt sie mit sich fort,
hinweg vom Ich, und läßt ein Rudiment von zerfaserten Neigungen und Trieben
zurück. So ergeht es denen, die sich zu den Toren gesellen und die Weisen
meiden. Mörike schwankte zeitlebens zwischen Pflichten und Neigungen, daher sein
seelisch labyrinthischer Lebenslauf. Die Weisen suchte er, sie ließen sich kaum
finden, die Toren liebte er auf seine Weise als Seelsorger, wie er es in seinem
Gedicht Karwoche so schön in Worte kleidete. Was blieb ihm also? Was
bleibt allen Dichtern, die den Broterwerb benötigen, um physisch zu überleben?
Über Jahrhunderte hinweg nur ein bescheidenes Credo ihrer Hingebung: Sehet, ich
habe mich geschunden! Sehet, ich habe mich ums Glück bemüht! Sehet, ich kann
nicht anders, ich bin so wie ich bin: 'Laß, o Welt, o laß mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben, laßt dies Herz alleine haben seine Wonne, sein
Pein!' So offenbart sich uns Eduard Mörike als ein Mensch, dessen Zenit
allezeit Zenit des Strebens nach höchster Vollendung gewesen war. Die Sicht
darauf jedoch war ihm, wie den meisten, nur aus der Ferne vergönnt. Umso tiefer
gewährt er uns Einblicke in seine Seele. Und die war bei aller irdisch bedingten
Zerrissenheit dennoch hell und licht - wenn man hell und licht sein als
gelegentliche Abwesenheit von Weltschmerz definiert.
Eduard Mörike aus: 'Werke' (Originaldiktion)
Emil Vollmer Verlag, München,
(o.Jahreszahlangabe)
Verantwortlich (c)
für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.
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