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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

TEMPUS FUGIT

 

Das Phänomen der Zeit in der deutschen Dichtung

 

 

 

 

 

 

 

Einst und Jetzt

 

'Möchte wieder in die Gegend,

'Wo ich einst so selig war,

'Wo ich lebte, wo ich träumte

'Meiner Jugend schönstes Jahr!'

 

Also sehnt' ich in der Ferne

Nach der Heimath mich zurück.

Wähnend, in der alten Gegend

Finde sich das alte Glück.

 

Endlich ward mir nun beschieden

Wiederkehr in's traute Thal;

Doch es ist dem Heimgekehrten

Nicht zu Muth wie dazumal.

 

Wie man grüßet alte Freunde,

Grüß' ich manchen lieben Ort;

Doch im Herzen wird so schwer mir,

Denn mein Liebstes ist ja fort.

 

Immer schleicht sich noch der Pfad hin

Durch das dunkle Waldrevier;

Doch er führt die Mutter Abends

Nimmermehr entgegen mehr.

 

Mögen deine Grüße rauschen

Vom Gestein, du trauter Bach;

Doch der Freund ist mir verloren,

Der in dein Gemurmel sprach.

 

Baum, wo sind die Nachtigallen,

Die hier sagen einst so süß?

Und wo, Wiese, deine Blumen,

Die mir Rosa sinnend wies? -

 

Blumen fort und Nachtigallen,

und das gute Mädchen auch!

Meine Jugend fort mit ihnen;

Alles wie ein Frühlingshauch!

 

Nicolaus Lenau aus: 'Sämmtliche Werke' (Originaldiktion)

Verlag von Philipp Reclam jun. (o.Jahreszahlangabe)

 

Die Zeit - jenes fliehende Etwas, jenes unvergleichlich Wertvolle, jenes Unfaßbare, jenes unsichtbare Fluidum - die Zeit hat uns im Griff in des Wortes wahrem Sinne: Sie stranguliert und sie lockert, sie heilt und sie schlägt Wunden, sie manipuliert unser Empfinden und sie erlangt Herrschaft über uns, wenn wir sie dazu ermuntern. Wie etwa, wenn wir uns ihr hingeben in der Erwartung, diese Sekunde, diese Minute, diese Stunde möge stillstehen, nie vergehen und sich nie wandeln.

Solche Erfahrung resümmiert Nicolaus Lenau, geboren als Edelmann und von der Suche nach der idealen Zeit bis nach Amerika getrieben, und nach seiner verbitterten Wiederkehr in die deutsche Heimat um die Erkenntnis gereift, daß der biblische Prediger recht hatte, als er davon sprach, daß alles seine Zeit habe: eben die gute und die schlechte Zeit. Lenaus fassungslos anmutendes Credo: Meine Jugend fort mit ihnen, alles wie ein Frühlingshauch dürfte tiefenpsyhologisch aufschlußreich für Wanderprediger sein, uns als Mitfühlende aber, die wir schon Erfahrungen vergleichbarer Art machten, gebiert jene kleine Sentenz eine Ohnmacht, die Ohnmacht des Untätig-sein-Müssens, denn wie sollten wir die fliehende Zeit - tempus fugit - in ihrem Laufe hemmen? Durch nichts und niemanden ließe sie sich dazu herab, womit sich jedweder aus menschlicher Hybris erwachsene Anspruch auf Herrschaft über sie, 'die Zeit', offenbart und das ganze klägliche Gescheitersein des Menschen, sofern und sobald er die Zeit zurückdrehen, sich unter ihr hinwegwinden oder sie schlicht ignorieren will, bloßstellt. Und Lenau? Er hatte es, spät, sehr spät, erkannt, doch noch nicht zu spät für ihn, wie sein fulminantes Schaffen zeigt. Ihm gelang damit etwas, was vielen Zeitreisenden nicht gelingt: sich in Erinnerung zu bewahren.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.

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Ad personam

 

 

J. Michael Baerwald ist Herausgeber der Buchmarkt-Portale

 

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