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Erleuchtung
In unermeßlich tiefen Stunden,
Hast du, in ahnungsvollem Schmerz,
Den Geist des Weltalls nie empfunden,
Der niederflammte in dein Herz?
Jedwedes Dasein zu ergänzen
Durch ein Gefühl, das ihn umfaßt,
Schließt er sich in die engen Grenzen
Der Sterblichkeit als reichster Gast.
Da tust du in die dunkeln Risse
Des Unerforschten einen Blick
Und nimmst in deine Finsternisse
Ein leuchtend Bild der Welt zurück.
Du trinkst das allgemeinste Leben,
Nicht mehr den Tropfen, der dir floß,
Und ins Unendliche verschweben
Kann leicht, wer sich im Ich genoß.
Friedrich Hebbel aus: 'Gedichte und
Prosa' (Originaldiktion)
Emil Vollmer Verlag Wiesbaden
(o.Jahreszahlangabe)
'...Kann leicht, wer sich im Ich genoß.'
Welch dramatische Aussage! Hebbel, der wußte, wovon er sprach, litt er doch
zeitlebens unter einem ganz ordinären Mangel an weltlichen Gütern und dem
Angewiesensein auf Menschen, die es gut mit ihm meinten, verfaßte dieses Gedicht
in Anbetracht solchen Mangels. Was impliziert dies im Angesicht der
Unendlichkeit? Einen Wimpernschlag lang im irdischen Leben das 'genießen' zu
dürfen, was in ihm auf immerwährende Entbehrung angelegt ist. Davon spricht er
in seinem komplementären Achtzeiler Mahnung so sehr tiefgründig und ganz
durchdrungen von dieser schlimmen Erkenntnis. Die Zeit, die fliehende, trägt
auch bei ihm und in seinem ganzen Werk alle Insignien erbarmungsloser Macht.
Eine Macht, deren Sinn sich nur dem erschließt, dessen Streben nach Erkenntnis
über sich selbst und seine Stellung in dieser Welt nicht an profaner
Begierdenstillung zerbirst, sondern eine Macht, deren Sinn gerade das Anhalten
des Strebens, die Besinnung auf das Eigentliche, auf die Sonderform des
menschlichen Lebens, ist. Und was nun ist 'das Eigentliche' im Strudel der
Zeitläufte, im Gezerrtsein durch all die Monate und Jahre? Es sind, Hebbel
drückt es so einfühlsam und so wundervoll unprätentiös aus, die 'unendlich
tiefen Stunden', die in uns Menschen als Temporale angelegt sind und die wir
nur zu genießen vermögen, wenn wir uns - wenigstens für Wimpernschläge lang -
von der Erdenschwere befreien und uns dem Geist des Weltalls
bedingungslos hingeben. Aber was anders symbolisiert jener Geist, den nicht die
Aura des effekthascherischen Flaschengeistes umweht, wenn nicht das
Sichfallenlassen, das Auf-sich-zurückfallen-Lassen, um einer bedeutsamen
Entdeckung willen: Zeitlebens auf sich allein gestellt zu sein, um in der
Seele zu reifen und nicht etwa an materiellen Dingen. Die, fraglos bitter
notwendig für ein auskömmliches Leben, bilden jedoch nicht den Extrakt jenes
Tropfens, 'der dir floß', vielmehr schließen sie in sich das Ein-und
Alles des Menschseins ein. Es ist das Geheimnis, welches die erlebte - genossene
- Zeit nur dem offenbart, der sie immateriell auszukosten weiß. Und wie edler
Wein seine Zeit zum Reifen benötigt, so erwerben wir Menschen erst ein Prädikat
des Edlen im Sinne gereifter Erkenntnis, wenn wir uns dem hingeben, was in uns
von Geburt an angelegt ist: Das Zeugnis Gottes, der uns rief und beim Namen
nannte. So rundet sich Hebbels wunderschönes Gedicht auch nur für den, der in
ihm eine Anleitung zur Verinnerlichung sieht und kein schnödes Bekenntnis zum
Wahn des Machbaren. Zeit ist un-machbar, sie ist unserem Zugriff auf ewig
verschlossen. Sie zu formen wie einen Klumpen Ton, um ihr Gestalt zu verleihen,
ist nur ein plumper Versuch, ihrer Herr zu werden. Hebbel hat uns gelehrt, daß
dieser Versuch mehr als läppisch ist. Es ist ein Haschen nach Wind.
Verantwortlich (c)
für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.
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