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(Ohne Titel)
Ich sah einst einen Knaben zart
Bei einer Seifenblase stehen;
Er lächelte nach Knaben Art
Und konnte sich nicht satt dran sehen,
Und freute sich der lieblichen Gestalt
Und ihrer wunderschönen Farben,
Die Grün in Rot und Rot in Gelb erstarben,
Und hüpfte fröhlich auf - doch bald
Zersprang vor ihm die Wunderblase,
Und eine bittre Trän' lief über seine
Nase.
Claudius' 'Karriere' weist vielerlei Sprünge
auf, die fast die Regel im Leben deutscher Dichter zu sein scheint: ungeliebtes
Studium und vergeudete Jahre, denn der Brotberuf erwies sich als denkbar
frustrierend, Flucht in die Lyrik und in die als Redakteur einer lokalen
Zeitung, nirgends intellektuell wirklich gefordert, einmal hier, einmal dort in
Anstellung, zuletzt - als Vater von zwölf Kindern - auf die Gnade eines
Ehrensolds angewiesen, nein, so stellt sich ein bürgerlicher Lebenslauf gewiß
nicht dar. Muß er auch nicht, denn wer wollte urteilen? Die Zeit eilte als auch
hier über ein 75jähriges Leben hinweg mit allen seinen Untiefen und Hoffnungen.
Was dies für den bedeutet, der es durchlebt, beweist sich in dem Gedicht vom
Knaben, der eine Seifenblase betrachtet. Bewundernd, unschuldig, hingerissen von
der schillernden Farbenpracht, ganz und gar vertieft in dieses fesselnde,
oszillierende Schauspiel - bis, ja bis das erfolgt, was uns allen so sehr das
auf Zeit Liebgewonnene nimmt: eben jenes Medium, das das Gebären und Sterben
unerbittlich einhüllt und von dem der biblische Prediger sagt, das alles 'seine
Zeit' habe auf Erden. Wer Claudius' Werke kennt und seinen Hang zur
Latinisierung auch simpelster Beobachtungen, der wird sich nicht schwertun, ihn
in seiner tiefsten Innerlichkeit zu begreifen. Was hervorquillt ist ein Schrei,
ein erruptives Pulsieren heftiger Erregtheit über die Dinge der (damaligen)
Weltläufte. Und was hat der Knabe damit zu schaffen? Er, der Zeit nicht als
fliehend erkennt, weint, als die 'wunderschönen Farben' ins Nichts zerspringen.
Was er liebte, war unwiderbringlich dahingeschieden. Bis er - vielleicht - es
wagt, eine neues, zartes, schillerndes Wesen ins Leben zu rufen... Dies aber
bedingt die Erkenntnis, daß Endliches endlich ist und Unendliches hienieden
nicht greif- und erfahrbar. So betrachtet, ist Matthias Claudius, dessen
Pseudonym 'Asmus' uns nur bedeutet, wie viele ein Alter ego zu benötigen, um das
Leben aus Distanz zu bewältigen versuchen, nicht durch sein volkstümlich
gewordenes Gedicht vom Mond, der aufgegangen ist, für uns ein dichtender,
verletzlicher, vergänglicher Mensch geblieben, dessen literarische
Hinterlassenschaften wir bevorzugen oder hintanstellen können. In jedem Falle
aber sieht man in ihm durch diese Verse auch den eternalen Knaben, dessen
Wünsche Träume bleiben mußten, unerfüllte und sehnsuchtsvolle Träume.
Wahrgewordene wären, um in seinen Worten zu sprechen, eine contradictio in
adjecto gewesen. Hic!
Matthias Claudius aus: 'Sämtliche
Werke' (Originaldiktion)
Emil Vollmner Verlag, München, ohne
Jahreszahlangabe.
Verantwortlich (c)
für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.
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