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Die sprießende und wuchernde
Literatur
Deleuzes und
Guattaris Rhizom als Schreib- und Lesekonzept
1980 veröffentlichen
der Philosoph Gilles Deleuze und der Psychoanalytiker Félix Guattari 1000
Plateaus, den – nach eigener Aussage der Autoren („und das sind viele“) zum
größten Teil von der geisteswissenschaftlichen Welt ignorierten – zweiten Teil
ihres Werks Kapitalismus und Schizophrenie.
Verkürzt (und damit
zwangsläufig verfälscht – doch wer möchte hier Richter sein) dargestellt,
begreifen sie darin die Welt als Gefüge von Mannigfaltigkeiten, potenziell
unendlichen Ketten von Verbindungen, die jeden Punkt an jeden anderen Punkt
binden (können/müssen); Verbindungen, die je nach Blickwinkel und Entfernung
andere Qualitäten offenbaren, die sich mit jedem addierten oder subtrahierten
Punkt und mit ihnen das gesamte Gefüge ändern.
Ein literarischer
Text ist demnach niemals Bild der Welt, sondern stets Teil des Weltgefüges; er
offenbart, je nach Lesart, je nach Kontext – der selbstverständlich auch den
Leser und seine spezifischen Erfahrungen miteinschließt – andere Fluchtlinien:
soziologischer, linguistischer, politischer, sexueller usw. Natur.
Die Damen und Herren
der éditions foulland arbeiten im Moment an einem literarischen Projekt, das
diese Verbindungen, die jedem Text (auch hier wollen wir uns in der Definition
nicht auf den literarischen beschränken) innewohnen, falsch, die als
vorübergehendes Geflecht im Weltgefüge erscheinen, ins Bewusstsein des Lesers
rücken. Ein Buch, das sich den Mannigfaltigkeiten ausliefert, das die
Fluchtlinien nachzeichnet, einzelne Stränge dieses sich ständig verändernden
Geflechts ineinander verstrickter Linien, je nach Intensität des sie
durchfließenden (Bedeutungs)stroms, hervortreten lässt, neue Verbindungen
knüpfend, andere trennend, wieder andere in den Hintergrund rückend.
Das Buch entreißt
Texte ihren ursprünglichen Kontexten, zerstückelt sie, ergänzt sie, ordnet sie
neu an – und schafft somit Leerstellen und Mehrdeutigkeiten. So sollen dem Leser
die verschiedenen Verständnisebenen, seine aus flüchtig verknüpften Punkten
abgeleitete Sinnkonstruktion, auf denen er sich abwechselnd bewegt, „vor Augen
geführt“ werden. Wenn z. B. ein Ausschnitt des Romans „Nastassja zu brechen“,
der eine hyperrealistische Beschreibung einer Vergewaltigung, erzählt aus der
emotionalisierenden Ich-Perspektive („Dann rutscht er nach unten und drängt
seinen schweren Körper zwischen meine Beine.“), enthält, seines narrativen
Kontexts beraubt wird, neben den Pressetext zur Erstveröffentlichung des Romans
gestellt wird („Das ist die Geschichte eines vergewaltigten Mädchens.“).
Wenn gleichzeitig der Blick des Lesers auf eine Notiz am Rande gelenkt wird, die
den Kommentar einer Lektorin enthält („Und das aus der Feder eines Mannes. […]
Männerphantasien.“).
Der Lesende ist
ständig in Bewegung, er ist „Nomade“, wie Deleuze und Guattari schreiben, der
von Schicht zu Schicht gleitet; Schichten, die er selbst durch Anknüpfung an
seine Mannigfaltigkeiten als historisches, soziales, triebhaftes usw. Wesen
erzeugt. Dieser Lesende ist jedoch ebenso wenig Autor wie „ich diese Worte
schreibe“. Er ist ein Punkt auf potenziell unendlich vielen Fluchtlinien.
Damit propagieren die
Redakteure („und das sind viele“) jedoch nicht eine neue Beliebigkeit. Im
Gegenteil vervielfachen sich die Bedeutungen, mit jeder weiteren (möglichen)
Anknüpfung – je lückenhafter der Text wird, desto fruchtbarer sprießt, desto
furchtbarer wuchert er.
Verantwortlich (c) für Text und
Inhalt: Mag. Gerhard Moser, Innsbruck, der bei der Abfassung dieser
Kolumne Frau Teresa Staudacher für ihre wertvolle Unterstützung zu Dank
verpflichtet ist.
Konstruktive Kritik und Anmerkungen bitte an:
fou@wer-ist-monsieur-fou.com
>Scriptum
II. Quartal 2008 I
Scriptum I
2007:
Scriptum IV I Scriptum
II I Scriptum
I
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