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Sich erinnern, sich erzählen
Die unbeständige Erinnerung als
Erzählstrategie in Gaimans/McKeans Mr. Punch
Mr. Punch, die Titelfigur dieser
„komischen Tragödie oder tragischen Komödie“ (Untertitel) ist der Protagonist
eines Puppenspiels, das im 16. Jahrhundert seinen Weg aus Italien nach
Großbritannien fand; im Vergleich zum deutschen Kasperle erweist sich die
britische Variante als deutlich anarchistischer und gewalttätiger. Wenn die
Geschichten um den so treffend benannten Mr. Punch auch variieren, so sind die
von ihm verübten Gräueltaten, für die er niemals zur Verantwortung gezogen wird,
ihr beständiges Element. So schlägt Punch beispielsweise seine Frau Judy tot,
wirft ein in seine Obhut gegebenes Kind aus dem Fenster oder überlistet seinen
Henker, der sich sodann selbst zur Strecke bringt. „That’s the way to do it!“
lautet seine Devise.
Dieses als Punch and Judy Show
bekannte Puppenspiel ist für
Neil Gaiman und Dave McKean, respektive Autor
und Illustrator des Graphic Novels Mr. Punch, Ausgangspunkt einer
verschachtelten Erzählung, in der einander aus- und ablösende, einander
ergänzende und widersprechende Geschichten das Narrativ formen und wieder
verformen. Die verschiedenen Versionen der Episoden, die im Verlauf des Buches
erzählt werden, eröffnen dem Leser stets andere Perspektiven und legen ihm neue
Interpretationen nahe – und spiegeln so die Verhandelbarkeit von Erinnerung,
eines der zentralen Themen im Werk Gaimans wider.
Gaiman und McKean inszenieren die
Theatersituation auf mehrfache Weise. Als der Erzähler seine Geschichte beginnt,
hebt sich der Vorhang und gemeinsam mit ihm betritt der Leser die Bühne seiner
Erinnerung, die zuerst seine Kindheit, einen Angelausflug an der englischen
Küste, zeigt. Diese ersten Bilder, die Gaiman im Leser entstehen lässt, sind
ebenso blass und vage wie die Illustrationen McKeans, abgesehen von einem Zelt,
das sich deutlich von seiner Umwelt abhebt. Darin findet eine Aufführung der
Punch and Judy Show statt. „Ah
well, that
can’t be helped, Mr.
Punch. Even if there’s only one of them. It’s started now, and it can’t
be stopped […]”,
eröffnet Judy,
Punchs Frau, das Stück, als sie sieht, dass
nur ein Zuseher im Publikum ist: der Erzähler als Kind – und abwechselnd mit ihm
der Leser, der für Augenblicke seinen Platz einnimmt.
Die Erzählung entfaltet sich parallel auf
mehreren Ebenen: auf der des Erzählers, der seinen Erinnerungen
Folgerichtigkeit, ein schlüssiges Narrativ, zu geben versucht. Auf der seines
jungen, erinnerten Ichs, das sich bedroht fühlt angesichts der Undurch- und
Unüberschaubarkeit der es umgebenden Erwachsenenwelt. Schließlich auf der des
Puppenspiels, das das Unsagbare repräsentiert, das Unbewusste.
Der Erzähler erinnert sich in
nüchternen Worte an die letzte Begegnung mit seinem Großvater, nachdem dieser
aus dem „Narrenhaus“ entlassen wurde; als (ebenso erinnerter) achtjährige Junge
jedoch scheint er sie zu hören, die unzusammenhängenden, herausgeschrienen Worte
seines Großvaters, scheint er ihn zu spüren, den Speichel auf seinem Gesicht,
auch wenn er all das nicht selbst erlebt haben mag, es sich nur zusammengereimt
hat aus den unachtsamen Bemerkungen Erwachsener – dieses Erfühlen, das neben das
Erinnern tritt, vermittelt McKean dem Leser anhand einer furchtbaren Bildfolge,
die das Auseinanderfallen der beiden Aspekte unterstreicht: die sachlichen Worte
des Erzählers im Gegensatz zur rohen Emotion der Bilder. Wieder vereint werden
sie auf der tieferen Ebene der Punch and Judy Show, die als
Deckerinnerung für das Verdrängte und Verschüttete fungiert: hier werden die
Lücken der Geschichte geschlossen, hier wird vermittelt, was die Bilder nicht zu
zeigen, die Worte nicht zu sagen imstande sind; die Gewalt und das Verbrechen,
die verübt wurden: „Punch, of course, killed Judy.“
Die auf jeder Seite präsente Punch
and Judy Show, ihre gespielte Gewalt verbirgt die Gewalt der Welt, sie dient
dem Erzähler als unbewusster Schutz vor dem Erlebten. Vor den Dingen, die er
insgeheim weiß, aber sich nicht bewusst machen will. Er erinnert sich als
Sechsjähriger die Schauspieler eines Theaterstücks beobachtet zu haben, wie sie
ihre Kostüme ablegten. Eine überlebensgroße Dachsmaske sprang
ihm ins Auge: “I waited
for it to whisper secrets to me, but it said nothing. […] Later it occurred to
me that I should have put the badgers head on: then I would have become the
badger, a tiny stumbling thing with a huge head, uttering vast truths I dared
not think as a child.”
Diese Wahrheiten sind für den Erzähler nur
maskiert bzw. auf der Bühne artikulierbar.
Die Vorstellung, die er beim Angelausflug
besucht, verlässt er in Panik, als Mr. Punch das Baby aus dem Fenster wirft.
Oder wie der Erzähler scharfsinnig bemerkt: es von der Bühne wirft – in die
Welt. Bereits an dieser Stelle deutet sich, zumindest in Bruchstücken, an, was
er sich selbst (und dem Leser) verheimlicht: dass er als Junge beobachtet hat,
wie ein (ungeborenes) Kind getötet wurde.
Wollte er, könnte er hinter die Kulissen
dieses psychologischen Puppenspiels sehen, deren Bühne tatsächlich die Welt, die
von ihm konstruierte wenigstens, ist, und die Hintergründe und Zusammenhänge
begreifen – was seinen Großvater an- und schließlich ihn den Wahnsinn trieb.
Auch der Leser, der wie zu Beginn schon angedeutet zeitweise selbst Teil des
Ensembles wird, gerät in eine ähnliche Rolle.
Alle Zitate
aus: Gaiman, Neil; McKean, Dave (1995): The Comical
Tragedyor
Tragical
Comedy of Mr. Punch. New York: Vertigo.
Deutsche Ausgabe: Gaiman, Neil;
McKean, Dave (1994): Mr. Punch. Die
tragische Komödie oder komische
Tragödie. Stuttgart: Feest Comics.
(vergriffen)
Deutsche Übersetzung der Zitate:
Gerhard Moser.
Verantwortlich (c)
für Text und Inhalt: Mag. Gerhard Moser, Innsbruck, der bei der Abfassung
dieser Kolumne Frau Teresa Staudacher für ihre wertvolle Unterstützung zu Dank
verpflichtet ist.
Konstruktive Kritik und Anmerkungen bitte an:
fou@wer-ist-monsieur-fou.com
>Scriptum IV I Scriptum
II I Scriptum
I
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