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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

SCRIPTUM

 

 

 

 

 

Sich erinnern, sich erzählen

 

 

Die unbeständige Erinnerung als Erzählstrategie in Gaimans/McKeans Mr. Punch

 

Mr. Punch, die Titelfigur dieser „komischen Tragödie oder tragischen Komödie“ (Untertitel) ist der Protagonist eines Puppenspiels, das im 16. Jahrhundert seinen Weg aus Italien nach Großbritannien fand; im Vergleich zum deutschen Kasperle erweist sich die britische Variante als deutlich anarchistischer und gewalttätiger. Wenn die Geschichten um den so treffend benannten Mr. Punch auch variieren, so sind die von ihm verübten Gräueltaten, für die er niemals zur Verantwortung gezogen wird, ihr beständiges Element. So schlägt Punch beispielsweise seine Frau Judy tot, wirft ein in seine Obhut gegebenes Kind aus dem Fenster oder überlistet seinen Henker, der sich sodann selbst zur Strecke bringt. „That’s the way to do it!“[1] lautet seine Devise.

Dieses als Punch and Judy Show bekannte Puppenspiel ist für

Neil Gaiman und Dave McKean, respektive Autor und Illustrator des Graphic Novels Mr. Punch, Ausgangspunkt einer verschachtelten Erzählung, in der einander aus- und ablösende, einander ergänzende und widersprechende Geschichten das Narrativ formen und wieder verformen. Die verschiedenen Versionen der Episoden, die im Verlauf des Buches erzählt werden, eröffnen dem Leser stets andere Perspektiven und legen ihm neue Interpretationen nahe – und spiegeln so die Verhandelbarkeit von Erinnerung, eines der zentralen Themen im Werk Gaimans wider. 

Gaiman und McKean inszenieren die Theatersituation auf mehrfache Weise. Als der Erzähler seine Geschichte beginnt, hebt sich der Vorhang und gemeinsam mit ihm betritt der Leser die Bühne seiner Erinnerung, die zuerst seine Kindheit, einen Angelausflug an der englischen Küste, zeigt. Diese ersten Bilder, die Gaiman im Leser entstehen lässt, sind ebenso blass und vage wie die Illustrationen McKeans, abgesehen von einem Zelt, das sich deutlich von seiner Umwelt abhebt. Darin findet eine Aufführung der Punch and Judy Show statt. Ah well, that

can’t be helped, Mr. Punch. Even if there’s only one of them. It’s started now, and it can’t be stopped […]”[2], eröffnet Judy,

Punchs Frau, das Stück, als sie sieht, dass nur ein Zuseher im Publikum ist: der Erzähler als Kind – und abwechselnd mit ihm der Leser, der für Augenblicke seinen Platz einnimmt. 

Die Erzählung entfaltet sich parallel auf mehreren Ebenen: auf der des Erzählers, der seinen Erinnerungen Folgerichtigkeit, ein schlüssiges Narrativ, zu geben versucht. Auf der seines jungen, erinnerten Ichs, das sich bedroht fühlt angesichts der Undurch- und Unüberschaubarkeit der es umgebenden Erwachsenenwelt. Schließlich auf der des Puppenspiels, das das Unsagbare repräsentiert, das Unbewusste. 

Der Erzähler erinnert sich in nüchternen Worte an die letzte Begegnung mit seinem Großvater, nachdem dieser aus dem „Narrenhaus“ entlassen wurde; als (ebenso erinnerter) achtjährige Junge jedoch scheint er sie zu hören, die unzusammenhängenden, herausgeschrienen Worte seines Großvaters, scheint er ihn zu spüren, den Speichel auf seinem Gesicht, auch wenn er all das nicht selbst erlebt haben mag, es sich nur zusammengereimt hat aus den unachtsamen Bemerkungen Erwachsener – dieses Erfühlen, das neben das Erinnern tritt, vermittelt McKean dem Leser anhand einer furchtbaren Bildfolge, die das Auseinanderfallen der beiden Aspekte unterstreicht: die sachlichen Worte des Erzählers im Gegensatz zur rohen Emotion der Bilder. Wieder vereint werden sie auf der tieferen Ebene der Punch and Judy Show, die als Deckerinnerung für das Verdrängte und Verschüttete fungiert: hier werden die Lücken der Geschichte geschlossen, hier wird vermittelt, was die Bilder nicht zu zeigen, die Worte nicht zu sagen imstande sind; die Gewalt und das Verbrechen, die verübt wurden: „Punch, of course, killed Judy.“[3] 

Die auf jeder Seite präsente Punch and Judy Show, ihre gespielte Gewalt verbirgt die Gewalt der Welt, sie dient dem Erzähler als unbewusster Schutz vor dem Erlebten. Vor den Dingen, die er insgeheim weiß, aber sich nicht bewusst machen will. Er erinnert sich als Sechsjähriger die Schauspieler eines Theaterstücks beobachtet zu haben, wie sie ihre Kostüme ablegten. Eine überlebensgroße Dachsmaske sprang ihm ins Auge: “I waited for it to whisper secrets to me, but it said nothing. […] Later it occurred to me that I should have put the badgers head on: then I would have become the badger, a tiny stumbling thing with a huge head, uttering vast truths I dared not think as a child.”[4] Diese Wahrheiten sind für den Erzähler nur maskiert bzw. auf der Bühne artikulierbar. 

Die Vorstellung, die er beim Angelausflug besucht, verlässt er in Panik, als Mr. Punch das Baby aus dem Fenster wirft. Oder wie der Erzähler scharfsinnig bemerkt: es von der Bühne wirft – in die Welt. Bereits an dieser Stelle deutet sich, zumindest in Bruchstücken, an, was er sich selbst (und dem Leser) verheimlicht: dass er als Junge beobachtet hat, wie ein (ungeborenes) Kind getötet wurde. 

Wollte er, könnte er hinter die Kulissen dieses psychologischen Puppenspiels sehen, deren Bühne tatsächlich die Welt, die von ihm konstruierte wenigstens, ist, und die Hintergründe und Zusammenhänge begreifen – was seinen Großvater an- und schließlich ihn den Wahnsinn trieb. Auch der Leser, der wie zu Beginn schon angedeutet zeitweise selbst Teil des Ensembles wird, gerät in eine ähnliche Rolle.

[1] „So wird’s gemacht!“

[2] “Nun ja, da kann man nichts machen, Mr. Punch. Selbst wenn nur einer von ihnen da ist. Es hat begonnen und kann nicht abgebrochen werden […] ”

[3] „Punch, natürlich, ermordete Judy.“

[4] „Ich wartete darauf, dass er mir seine Geheimnisse zuflüsterte, aber er sagte nichts. […] Später wurde mir klar, dass ich den Dachskopf hätte aufsetzen sollen: ich wäre zum Dachs geworden, einem winzigen, stolpernden Etwas mit einem riesigen Kopf, das große Wahrheiten ausspricht, die ich als Kind nicht zu denken wagte. “

Alle Zitate aus: Gaiman, Neil; McKean, Dave (1995): The Comical

Tragedyor

Tragical Comedy of Mr. Punch. New York: Vertigo.

Deutsche Ausgabe: Gaiman, Neil; McKean, Dave (1994): Mr. Punch. Die

tragische Komödie oder komische Tragödie. Stuttgart: Feest Comics.

(vergriffen)

Deutsche Übersetzung der Zitate: Gerhard Moser.

 Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Mag. Gerhard Moser, Innsbruck, der  bei der Abfassung dieser Kolumne Frau Teresa Staudacher für ihre wertvolle Unterstützung zu Dank verpflichtet ist.

Konstruktive Kritik und Anmerkungen bitte an: fou@wer-ist-monsieur-fou.com

 

>Scriptum IV I Scriptum II I Scriptum I 

 

 
 
 

 

Ad personam

 

 

Mag.Gerhard Moser ist Verleger der éditions foulland und Autor u.a. der vielbeachteten Literaturen 'Vom Sterben' und 'Unsichtbares Innsbruck'