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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

SCRIPTUM

 

 

 

 

 

Das Setzen des Schlusspunkts

 

 

 

 

 

Letzte Worte in J. M. Coetzees Schande

 

„Ja, ich gebe ihn auf.“

 

Diese Worte beschließen J. M. Coetzees Roman Schande. Sie sind jedoch bereits den ganzen Text über präsent: unausgesprochen führen sie David Lurie, einen alternden Literaturprofessor, gemeinsam mit dem Leser Schritt für Schritt auf ein zweifaches Ende, das des Romans wie des Protagonisten, hin. Schande ist ein Buch vom Loslassen, vom Ballastabwerfen, letztendlich vom Sterben.

 

„Ja, ich gebe ihn auf.“

 

Den bürgerlichen Lebenswandel als kaum inspirierter und noch weniger inspirierender Professor an der Universität Kapstadt, ein zufriedenes Dasein, ein glückliches, so möchte er glauben. Dieses erste Abstreifen einer alt gewordenen Haut ist halb selbst-, halb fremdverschuldet: nach einer Affäre mit einer seiner Studentinnen, die er, nachdem sie öffentlich wird, stur und politisch unklug handhabt, wird er entlassen. Er fällt in Ungnade, wie der Originaltitel Disgrace nahe legt.

 

„Ja, ich gebe ihn auf.“

 

Eros, seinen Gott, der ihn ein letztes Mal entflammt hat (ein Bild, das später grausam verzerrt in seiner wörtlichen Bedeutung wiederkehren wird), der ihm ein letztes Mal einen Blick auf das Sein gestattet, das er glaubt, stets angestrebt zu haben, ein künstlerisches und leidenschaftliches anstatt eines kalkulierten und lauen. Mit der Cape Technical University, mit Melanie, seiner schicksalhaften Liebschaft, mit Kapstadt lässt er ihn hinter sich.

 

„Ja, ich gebe ihn auf.“

 

Den Glauben, dass er bei seiner Tochter Lucy Zuflucht und zu sich finden könnte. Dass er sich in der Frau, die er hinterlassen wird, erkennen könnte. Dass er mit seiner Tochter und der Gewalt, die ihnen beiden, und der Gewalt, die ihr allein angetan wird, leben könnte. Er wählt eine Annäherung aus der Ferne, wahrt eine diplomatische Distanz: nah genug, um sich weiszumachen, Lucy bei der Geburt ihres Kindes (eines Kindes der Gewalt), beizustehen, fern genug, um wegsehen zu können, wie sie sich ihrer Schande unterwirft, ihren Missbrauch rationalisiert und in subtilerer Form fortsetzt. Eine Tierklinik, deren eigentliche Funktion die Entsorgung „überschüssiger“ Hunde ist, wird David Luries neues, wohl letztes Zuhause.

 

„Ja, ich gebe ihn auf.“

 

Den Traum, seine schwindende Leidenschaft, seinen nachlassenden Lebenswillen in der Kunst zu kompensieren. In Erinnerung zu bleiben mit einem Werk oder einem Gedanken wenigstens. Lurie erkennt, dass seine Fähigkeit sich Ausdruck zu verleihen zu lange brach lag, dass sie verkümmert ist, dass letztlich gar nicht viel bleibt, dem Ausdruck zu verleihen wäre. Ein verkrüppelter Hund, dessen Einschläferung er aufschiebt, wird zu seinem Begleiter, seinem Freund, seinem Ebenbild.

 

Und schließlich: „Ja, ich gebe ihn auf.“

 

Diesen Begleiter, diesen Freund. Plötzlich – mit einer jähen (Selbst)erkenntnis, der letzten. Es ist genug: er wird ihn, dem er keinen Namen gab („Freund“), auf den OP-Tisch tragen („begleiten“), sich von ihm liebkosen lassen („verabschieden“), während er ihn beruhigt („tröstet“), ihn sterben lassen („erlösen“), in einen Sack packen („zur Ruhe betten“) und ihn in die Müllverbrennungsanlage werfen („seine Seele befreien“).

 

Coetzee benutzt in Schande eine einfache, direkte Sprache, die vieles ungesagt, umso mehr leise mitklingen lässt; sie ist durchdrungen von Bildern des Abschieds, von Worten wie hinterlassen und verschwinden, aufgeben, absitzen und ausbluten, von Begriffen wie der „ziemlich leeren menschlichen Seele“ (S. 9) oder „Gebrauchshunde[n], zum kurzen Aufenthalt“ (S. 82) und Passagen wie „»Was meinst du, mein Freund? […] Was meinst du? Ist es genug?«“ (S. 108). Der Fluss dieser Erzählung entspringt dem letzten Satz, das Buch ist wie stromaufwärts geschrieben – von einem sicheren Ende zu einem ungewissen Anfang.

 

Alle Zitate aus: Coetzee, J. M. (2004): Schande. Frankfurt am Main: S. Fischer.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Mag. Gerhard Moser, Innsbruck, der  bei der Abfassung dieser Kolumne Frau Teresa Staudacher für ihre wertvolle Unterstützung zu Dank verpflichtet ist.

 

Konstruktive Kritik und Anmerkungen bitte an: fou@wer-ist-monsieur-fou.com

 

Scriptum I  I  Scriptum II

 

 
 
 

 

Ad personam

 

 

Mag.Gerhard Moser ist Verleger der éditions foulland und Autor u.a. der vielbeachteten Literaturen 'Vom Sterben' und 'Unsichtbares Innsbruck'