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Unter Null –
Die Taktik des literarischen Paukenschlags
Eine Demonstration am geschriebenen Wort Bret
Easton Ellis‘
Mittels einer gemeinsamen Schnelllektüre des
Romans Unter Null – einer radikalen Spielart des Readers Digests – soll
hier gezeigt werden, wie Bret Easton Ellis den Leser in seinen Werken Seite für
Seite abstumpft, ihn gemächlich aber beharrlich zu Gleichgültigkeit und
Teilnahmslosigkeit „erzieht“, um ihm diese abrupt, mit einem wie ich es nennen
möchte literarischen Paukenschlag, bewusst zu machen und schließlich zu nehmen.
„Die Leute werden immer rücksichtsloser“
(Seiten 9, 10 und 12): Die Personen in Ellis‘ Erstling sind wenig mehr als
Namen, als Schatten und Schemen, sie haben keine Geschichten, bloß Anekdoten; so
ist es uns letztlich gleichgültig, wer mit wem schläft, wer welche Drogen
konsumiert, wer wem davon erzählt, man geht auf eine Party, man zieht eine Line,
man geht zusammen essen, man fährt nach Palm Springs, man spricht in Gegenwart
anderer, so: „Nichts, sage ich.“ (17) oder so: „Was weiß ich, sage ich und
schaue wieder auf meine Hände. “ (18), wir erfahren, wer magersüchtig ist, wer
die Schule abgebrochen hat, wer ganz groß rauskommt und haben all das längst
vergessen (weil es uns, ehrlich gesagt, einerlei ist), als wir nach
hundertunddreißig Seiten des Kommens und Gehens, von Anlass zu Anlass, von
Restaurant zu Restaurant, von Bett zu Bett, in einem Snuff-Film „sehen“, wie ein
fünfzehnjähriges Mädchen vergewaltigt wird, wie sie mit einem Eispickel, einem
Drahtbügel und Nägeln gefoltert wird.
Hier ertönt zum ersten Mal der literarische
Paukenschlag.
Wir taumeln mit dem Protagonisten Clay durch
ein Los Angeles der Décadence, fragen uns, „ob er
selber wohl zu verkaufen ist“ (22), registrieren, wie ein cleanes Mädchen sich
auf einer Party eine Spritze setzt, „ob er wohl zu verkaufen ist“ (25), nehmen
zur Kenntnis, wie eine Mutter mit ihren Kindern weinend das brennende Wrack
ihres Unfallwagens anstarrt, „ob er wohl zu verkaufen ist“ (61) und vermerken
wie Clay, ahnend, was ihn erwartet, doch unfähig zu handeln, Reklametafeln
rezitiert: „verschwinde von hier“ (36) und „verschwinde von hier“ (39) und
„verschwinde von hier“ (61).
Easton Ellis vermittelt dem Leser nicht die
Teilnahmslosigkeit seiner Figuren – er überträgt sie auf ihn: was auch passieren
mag, ein unter den Rädern eines Autos festgeklemmter, blutender, jaulender,
verreckender Coyote – „die Leute werden auch immer rücksichtsloser“ (61) –, wir
lesen weiter, der Kadaver eines jungen Junkies, von Schaulustigen umringt –
„verschwinde von hier“ (67) –, wir lesen darüber hinweg, der Freund seit
Kindestagen, der sich von einem Geschäftsmann fünf Stunden lang vögeln lässt
(lassen muss), den Protagonisten (uns) fünf Stunden lang dabei zusehen lässt
(lassen muss), wir halten inne.
Das Verfahren des Paukenschlags: abstumpfen,
einschläfern, aufschrecken – ohne Erklärung, ohne moralische oder ideologische
Zeichen, ohne Halt zurücklassen.
Ellis führt uns in ein „Reich des
Stumpfsinns“ (98), er lullt uns ein, mit der ständigen mantrahaften Wiederholung
von Namen, Zeitvertreiben, Zeittotschlägern, gelegentlich erinnert er uns an die
Dinge, die wir sehen, aber nicht beachten, „ob er wohl zu verkaufen ist“ (161),
die geschehen, die uns aber nicht widerfahren, „ob er wohl zu verkaufen ist“
(167).
Ellis erlaubt seinem Protagonisten keine
Entwicklung, nur die leise Regung eines Gewissens, ein vages Gefühl des
Unwohlseins – die stets ohne Konsequenz bleiben, kein Handeln, kein Lernen
auslösen. Ellis gewährt keine Auflösung oder Katharsis gar, weder seinen Figuren
noch seinen Lesern, der Horror (das Mädchen, das an ein Bett gefesselt ist),
einmal überlesen (das zwölfjährige Mädchen), vielleicht zweimal (geschlagen,
nackt), lässt sich beim dritten Mal, auf die unerträgliche Spitze getrieben,
nicht länger fortwischen (mit dem Ausschlag zwischen den Beinen), steigert sich
nun, einmal ins Bewusstsein des Lesers geschlagen, mit jeder Wiederholung
(wieder und wieder vergewaltigt), statt abzustumpfen, reißt er die Wunde auf,
reißt er sie tiefer (wieder und wieder missbraucht).
Mit jedem Paukenschlag wird uns ein wenig
mehr von der Teilnahmslosigkeit genommen, die den Protagonisten Clay, der sich
zunehmend im Rauschen der alltäglichen Beschäftigungen verliert, dominiert: „du
kannst verschwinden, ohne es zu merken“ (161), natürlich: „die Leute werden auch
immer rücksichtsloser. Rücksichtsloser“ (167) aber schließlich: „verschwinde von
hier“ (167). Jeder Paukenschlag lässt das Unaussprechliche und doch
Niedergeschriebene unüberhörbar ertönen und hinterlässt so eine Spur in uns, die
wir nicht zu verwischen vermögen. Jeder einzelne stößt uns ein Stück nach vorn
und versperrt uns den Schritt zurück zu einer sorglosen Indifferenz, einem
Nicht-Sehen, Nicht-Hören, Nicht-Sprechen hin. Jeder Satz, ein Schlag, der uns
erinnert: der Ausschlag zwischen den gespreizten Beinen, das Make-up, das man
ihr ins Gesicht geschmiert hat, die Nadel, die man ihr in den Arm drückt, der
Ausschlag zwischen den gespreizten Beinen. Jeder Satz, auch die harm- und
belanglosen, die Floskeln zur Begrüßung, zur Befindlichkeit und zum Abschied,
jede Passage, von Erlebnissen in der Kindheit oder Momenten in der Natur, ist
durchdrungen vom Schrecken. Ein Schrecken, der uns einen flüchtigen Blick auf
das eigene ethische Empfinden erlaubt: „Es ist … ich glaube nicht, daß es recht
ist.“ (173)
Alle
Zitate aus: Ellis, Bret Easton (1999): Unter Null. Köln: Kiepenheuer & Witsch.
Verantwortlich (c)
für Text und Inhalt: Mag. Gerhard Moser, Innsbruck, der bei der Abfassung
dieser Kolumne Frau Teresa Staudacher für ihre wertvolle Unterstützung zu Dank
verpflichtet ist.
Konstruktive Kritik und Anmerkungen bitte an:
fou@wer-ist-monsieur-fou.com
>Scriptum
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