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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

SCRIPTUM

 

 

 

 

 

Die Kindheit als eine Reihe betrüblicher Ereignisse

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

in Lemony Snickets Der schreckliche Anfang

 

„Für Beatrice – lieb, teuer, tot.“(1) Mit dieser Widmung führt Lemony Snicket den Leser in den ersten Band seiner Reihe betrüblicher Ereignisse (2), Der schreckliche Anfang (3), ein und zeigt damit bereits an, dass die folgende Erzählung weder inhaltlich noch formell den Genrekonventionen der Jugendliteratur gehorcht. 

Snicket erzählt die Geschichte der Baudelaire-Waisen Violet, Klaus und Sunny, die von einem Unglück ins nächste stürzen: vom Verlust ihrer Eltern über die Vormundschaft ihres entfernten Verwandten Count Olaf, der ihnen nach Leib und Vermögen trachtet, bis zum schrecklichen Ende, das einen weiteren Band voller betrüblicher Ereignisse verspricht. 

Der schreckliche Anfang handelt nicht von gewöhnlichen Menschen, deren Schicksal sie unvermutet in Helden verwandelt. Er erzählt von außergewöhnlichen Menschen, die mit der Beschränktheit, der Oberflächlichkeit und der Bösartigkeit ihrer Mitmenschen konfrontiert sind. Snicket schafft keine Identifikations­figuren für die Durchschnittlichen und Angepassten, sondern für Außenseiter und vom Leben Geplagte. 

Eine Reihe betrüblicher Ereignisse ist Literatur, die den Leser jeden Alters ernst nimmt und seiner Entwicklung und seinem Empfinden entsprechende Punkte zur Anknüpfung und zur Wiedererkennung bietet. Jüngere Leser mögen die betrüblichen Ereignisse ihrer Welt in der der Baudelaires gespiegelt sehen und in dieser literarischen Komplizenschaft Trost und Verständnis finden. Ältere mögen sich an den Anspielungen und Mehrdeutigkeiten des Textes und seiner ironischen Erzählweise erfreuen (bereits die Namen der Protagonisten verraten manches über Snickets Einflüsse: die Baudelaires selbst natürlich oder der Auftritt eines gewissen Mr. Poe). 

Auch formell hebt sich Der schreckliche Anfang von anderen Genretiteln in intelligenter Weise ab. Lemony Snicket ist sowohl Autor als auch Erzähler, fallweise sogar Protagonist der Geschichte. 

Der Autor Snicket (freilich ein Pseudonym) verortet die irreale und anachronistische Welt der Erzählung in unserer: er schickt seinem Verleger einen – im Buch abgedruckten – Brief, in dem er seine Recherchen und sein Anliegen, die Wahrheit über die Baudelaire-Waisen ans Licht zu bringen, beschreibt. Umgekehrt werden die Arbeit am Buch und die mit ihr verbundenen Gefahren und Hindernisse selbst zu einer eigenen Geschichte. 

Der Erzähler Snicket hingegen, der im Vorwort und in der Erzählung das Wort an den Leser richtet, offenbart dem Leser eine andere Seite: die Besorgnis des Autors wandelt sich in den wiederholten Warnungen an den Leser, nicht weiterzulesen, wenn man sich nicht dem Leid und dem Unglück der Protagonisten aussetzen möchte, zu einer ironischen, distanzierten Haltung, die Ersterer zuwiderläuft. Er ist der „allwissende Erzähler“, der die innersten Geheimnisse seiner Personen kennt (er „spricht“ sogar die Sprache der jüngsten Baudelaire Sunny, die nur einzelne Worte und Laute von sich gibt) – gänzlich anders als der Autor Snicket, dessen Horizont auf den Inhalt des jeweiligen Bandes beschränkt ist. 

Solche Grenzüberschreitungen und Unvereinbarkeiten werden im Text wiederholt thematisiert: sie können als Vorausverweise auf die moralischen Ambivalenzen gelesen werden, die im Laufe der Reihe immer deutlicher hervortreten. Während die Baudelaires mehr und mehr zur Kenntnis nehmen müssen, dass keine eindeutige Grenze zwischen „Gutem“ und „Bösem“ gezogen werden kann, zeigt auch ihr Erzfeind Count Olaf, der in Der schreckliche Anfang noch eindimensional als reine Verkörperung des Bösen gezeichnet wird, die Fähigkeit uneigennützig, wenn man so will „moralisch“, zu handeln. 

Die Reihe betrüblicher Ereignisse spielt in einer pluralistischen und zufälligen Welt, die sich radikal von der Seifenopernrealität populärer Zauberlehrlinge unterscheidet, und so erwartet den Leser zum Schluss der Reihe auch nicht das glückliche, sondern Das unterwartete Ende. 

[1] Im Original: „To Beatrice – darling, dearest, dead.”

[2] Im Original: „A Series of Unfortunate Events“

[3] Im Original: „The Bad Beginning“

 

Originalausgabe: Snicket, Lemony (1999): The Bad Beginning. A

Series of Unfortunate Events. New York: Harper Collins.

Deutsche Ausgabe: Snicket, Lemony (2004): Der schreckliche Anfang.

Eine Reihe betrüblicher Ereignisse. München: Manhattan.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Mag. Gerhard Moser, Innsbruck, der  bei der Abfassung dieser Kolumne Frau Teresa Staudacher für ihre wertvolle Unterstützung zu Dank verpflichtet ist.

Konstruktive Kritik und Anmerkungen bitte an:

fou@wer-ist-monsieur-fou.com

 

>Scriptum I. Quartal 2008

2007: Scriptum IV I Scriptum II I Scriptum I 

 

 

 
 
 

 

Ad personam

 

 

Mag.Gerhard Moser ist Verleger der éditions foulland und Autor u.a. der vielbeachteten Literaturen 'Vom Sterben' und 'Unsichtbares Innsbruck'