_______________________________________________________________________

 

   

 

         

ANTIQUARIATE

 

 

___  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

___

 

ANTIQUARIATE

 

 

 

 

SCRIPTUM

 

 

 

 

 

Literatur als Überlebensstrategie im Liberalismus

Eine Replik auf Michel Houellebecqs Ausweitung der Kampfzone

„Die sublime Verschmelzung wird nicht stattfinden; das Lebensziel ist verfehlt. Es ist zwei Uhr nachmittags.“ Mit diesen Worten endet Michel Houellebecqs Roman Ausweitung der Kampfzone. Sein namenloser Protagonist, eben noch auf einer Reise, die ihm – dem Schema des Entwicklungsromans folgend – Erkenntnis und letztlich Erlösung zu bringen verspricht, kommt abrupt an – aber diese Ankunft ist eine in der Schwebe, in einem unauflösbaren Dazwischen. Weder gelingt die Versöhnung mit dem Weltgeist des Kapitals (So sieht das aus, Georg Wilhelm Friedrich!) noch die Rückkehr zur, die Reduktion auf Natur. 

Houellebecq beschreibt den entfremdeten Menschen. Den sprachlosen, der anderen gegenüber seinem Leid keinen Ausdruck verleihen kann. Den verlorenen, der sich nicht verloren geben kann. Nicht den bewusstlosen jedoch, dem sein (Arbeits)platz schon als Daseinsberechtigung verkauft wurde.

In Ausweitung der Kampfzone werden zwei Differenzierungsmechanismen identifiziert, die den Liberalismus (der über den in den Feuilletons debattierten freilich weit hinausgeht – der Kapitalismus ist allumfassend, er ist in jedem Gedanken, ist in jeder Regung, in jeder Äußerung, jedem Atemzug, allerstickend) charakterisieren. Dieser ist ein wirtschaftlicher, jener ein sexueller; beide funktionieren gemäß derselben Logik: die relative Anzahl an Gütern entscheidet über Sieg oder Niederlage in jeder Begegnung mit anderen „Spielern“.

Die Folge ist eine Pauperisierung subtilerer Qualität für große Teile der Gesellschaft. Dabei ist es letztlich irrelevant, ob der Mangel an Waren- bzw. Menschenkonsum als solcher empfunden wird. Solange er Ausdruck findet in einer Rangliste der gesellschaftlichen Wertigkeit, in einer Überordnung und Unterwerfung, die jedem zwischenmenschlichen Kontakt eingeschrieben wird, die einziger Maßstab des Werts (!) eines Menschen ist. Der Totalität des Liberalismus kann sich der Einzelne nicht entziehen.

In einem System, das vorgibt stetig neue Wahlmöglichkeiten zu produzieren, fehlen jene, die seine Überwindung erlauben. Es gelingt noch nicht einmal das allumfassende Zwangsverhältnis zu akzeptieren, lies: zu resignieren (wie es dem Todkranken angeblich gestattet ist) – wenn man erst ein Bewusstsein vom verinnerlichten Wahn der Warenlogik gewonnen hat. Um die Diktion Houellebecqs aufzugreifen: wenn man erst die Kampfzone betreten, falsch: begriffen, hat. Jedes Erkennen ist schließlich Anerkennen, ein Außen-vor-Bleiben, ein Sich-Entziehen ist nicht möglich (diese Entschleierung der Verhältnisse ist nicht zuletzt Adorno geschuldet, wenn auch nicht gedankt). Das Sein so wahrzunehmen, vielmehr wahrnehmen zu müssen, entspricht einer, wenn man so will, pathologischen Weltanschauung – was freilich nichts über ihren Wahrheitsgehalt aussagt. Jedoch: existiert neben der illusorischen Überwindung und der unmöglichen Akzeptanz ein dritter Weg? Der der Kunst, in unserem Fall der Literatur?

Als Schriftsteller verleihen wir – im besten Fall – dem Schmerz und der Zerrissenheit Ausdruck (auch der Freude und der Lust, aber das ist dieses Mal nicht unser Thema). Als Leser finden wir uns – im besten Fall – darin wieder; der Text verleiht uns eine Stimme, die Vergessenes, Verdrängtes und niemals Gekanntes in uns nicht bloß wider- sondern auch wieder klingen lässt. Literatur stiftet nicht Sinn, wie es etwa Religionen oder die Beschwörung angeblich unveräußerlicher, ewiger Werte vorgeben. Vielmehr fordert sie den Leser, der einmal nicht bloß zum Konsumenten reduziert ist, auf, Sinn zu entwickeln, sie stößt ihn an, die eigenen Erfahrungen und Empfindungen dem gleitenden Sinn der zu Papier gebrachten Worte einzuschreiben und sie sich auf diese Weise zu eigen zu machen.

Für diesen Leser hier erfüllt Ausweitung der Kampfzone diese Funktion. Sein bitteres Lachen (ein Lachen nichtsdestotrotz!), zu dem ihn die Lektüre reizt, sein Einverständnis mit so mancher Polemik, die ihm Houellebecq vor die Füße erbricht, seine Abscheu wiederum, zu der ihn andere Passagen zwingen, all das lässt ihn leichter atmen, sprechen, laufen.

Literatur hilft uns durchzuhalten.

Andererseits: gerade darin liegt ihr (eigentlich: unser) Dilemma. Dieser dritte Weg mag wie eine Synthese aus Überwindung/Akzeptanz erscheinen, tatsächlich beschreibt er deren unauflösbare Dialektik. Literatur, die Trost spendet, bestätigt die bestehenden Verhältnisse, real oder empfunden, sie festigt den pathologischen Blick. Umgekehrt: der Heilung wirkt sie diametral entgegen.

Literatur sediert. Diese Überlegungen sind zweifelsohne sehr „wiesengründisch“; Sie wissen: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ (Minima Moralia, 43). Dem entgegen wähle ich für mich einen vierten Weg: ich folge nicht länger Adorno, sondern entscheide mich für einen anderen Schriftsteller, Sartre, der da postuliert, der Mensch sei zur Freiheit verurteilt. Obwohl ich weiß, dass Adorno der Wahrheit (die natürlich stets nur eine persönlich empfundene sein kann) näher steht, beweist doch mein Bekenntnis zur Sartre’schen Freiheit, dass diese zumindest möglich sein muss. Den daraus resultierenden Widerspruch bin ich bereit für mein geistiges Wohlbefinden auf mich zu nehmen. Ich wähle den Schein, die Täuschung, die Lüge gar – in einem Wort: Literatur. Letztlich laufen alle Gedanken im Kreis. Ich korrigiere das oben Gesagte: könnte ich wählen, wählte ich den Schein, die Täuschung, die Lüge gar. Könnte ich wählen, wählte ich das Ende meines Strebens nach Glück und begriff es als Chance. Könnte ich, würde ich das Scheitern gelassen annehmen. Könnte ich, würde ich „die Möglichkeit der Freude“, von der Houellebecq schreibt, abstreifen, wie die quälende Hoffnung, die mich nicht ruhen lässt.

Als ich diese Kolumne das erste Mal skizzierte, leitete mich der Gedanke, am Ende meiner Überlegungen die Verleugnung der Realität als zwar zynische, aber durchaus probate Überlebensstrategie auszurufen. Nun aber ende ich (im doppelten Sinn) wie Houellebecqs Protagonist: „Die sublime Verschmelzung wird nicht stattfinden“.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Mag. Gerhard Moser, Innsbruck, der  bei der Abfassung dieser Kolumne Frau Teresa Staudacher für ihre wertvolle Unterstützung zu Dank verpflichtet ist.

 

Konstruktive Kritik und Anmerkungen bitte an: fou@wer-ist-monsieur-fou.com

 

>Scriptum II

 

 
 
 

 

Ad personam

 

 

Mag.Gerhard Moser ist Verleger der éditions foulland und Autor u.a. der vielbeachteten Literaturen 'Vom Sterben' und 'Unsichtbares Innsbruck'