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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

Schatztruhe

- Sonderausgabe -

 

 

 

 

 

 

 

 

'Die Herrschaft der Lüge'

Der Punctum saliens in der Bewertung von Moralität eines jeden Jahrzehnts wird in der Rhetorik jener offenbar, die all den Gutgläubigen in einer freien Gesellschaft aus Opportunitätsgründen ein X für ein U andienen wollen. Das hat zwar Konjunktur in jeder Phase jedes Jahrzehnts, allein wenn der Begriff von Ethik und Moral so strapaziert wird wie im zweiten Jahrzehnt dieses Säkulums, und zwar vor dem Hintergrund unmerkwürdiger Naturkatastrophen, dann darf getrost geargwöhnt werden.

Weshalb? Weil unverkennbar wasserpredigende Weinsäufer durchs Land ziehen und sich als Naturbewahrer und Katastrophenerläuterer gerieren. Sie gehören gewissermaßen jener Spezies von Apokalyptikern des cartesischen Zeitalters an, in dem die Rückkehr zur Natur gepredigt wurde, aber am Mystizismus des Volkes wie kaltes Wasser auf einem heißen Stein abperlte. Nichts anderes erfolgt heute unter umgekehrten Vorzeichen. 'German Angst' ist in der Welt außerhalb unserer engen Staatsgrenzen zum geflügelten Wort geworden, was Naserümpfen zur Folge hat und die Frage, woher derlei wabernde Ängste wohl stammen können. Die Aufklärung war schließlich ein Verdienst des Deutschen Kant und hat den Aberglauben tiefgreifend reformiert. Nicht abgeschafft, wie sich's gehörte?

Nein, denn Unwissenheit macht störrisch gegenüber dem Wissenden, Angst geht hieraus konkludierend hervor. Psychopathie gilt nicht umsonst als Manifest einer kranken Seele, hieraus sprießende kognitive Dissonanzen, das weiß jeder Studiosus im ersten Semester, reglementieren freies Denken und schaffen dissoziative Temperamente. In solcher Phase befinden wir uns gegenwärtig. Wenn man die politischen Süppchenkocher einmal aus dem allgemeinen Angstgefühl extrahiert - was nur erkenntnistheoretisch möglich ist -, dann reduziert sich 'German Angst' auf Katastrophenszenarien, die wie im Platonschen Höhlengleichnis geisterhaft, spukhaft, vor Augen erscheinen. Sie sind lediglich Annahmen, keine Ursache einer Wirkung. Sie sind eingebildet und bar jeglichen Beweises. Und deshalb kann die Herrschaft der Lüge, wie sie Revel beschreibt, auch in der angeblich aufgeklärtesten aller Zeiten wuchern und wuchern und wuchern und jegliches besseres Wissen unter ihrem Dornengestüpp ersticken.

Vor knapp 30 Jahren publiziert, ist das Buch von zeitloser Aktualität; es hätte auch ein Carl Julius Weber hundertfünfzig Jahre früher spitzzüngisch den Wasserpredigern seiner Zeit um die Ohren dreschen können, nicht ein Jota wäre hinwegzunehmen gewesen: 'Die allererste aller Kräfte, die die Welt regieren, ist die Lüge', schreibt Revel eingangs. Quod erat demonstrandum! Und er fährt auf S. 171 des rund 400 Seiten umfassenden Werkes fort im 9. Kapitel: Der Bedarf an Ideologie: 'Was ist eine Ideologie? In dreifacher Hinsicht eine Ausnahmebewilligung: intellektuell, praktisch und moralisch.' Das Weglassen, Unterdrücken und Verfälschen von Fakten gehört dazu, ist sozusagen ihr Additiv, das den Antrieb schmiert und am Laufen erhält.

Die Mundtotmachung der Kritiker mittels Schmähung und Denunziation, Diffamierung und Lächerlichmachung sind nur Spielarten desselben Spiels mit der Naivität und Denkfaulheit einer spielefixierten Massengesellschaft. Deren Assistenz hat eine sog. wissenschaftliche Forschung übernommen, die sich in einen Rahmen einordnet, der paradigmatisch vorgibt, was gesellschafts- und wirtschaftspolitisch opportun ist. Sie gipfelt vorzugsweise in Ethikkommissionen. Ein hehres Lügengeflecht also, dem nur philosophisch beizukommen ist, denn eine Massengesellschaft muß erst Erfahrungen am eigenen Leib verspüren, ehe sie zur Besinnung auf sich selbst kommt. Ihr Abstraktionsvermögen reicht nicht aus, Entwicklungen objektiv zu antizipieren - deshalb zieht sie Lügen und Lügner geradezu magisch an. Jean-François Revel vollbringt in dem 1988 unter dem französischen Titel La Connaisance inutile bei Editions Grasset & Fasquelle erschienenen und 1990  im Paul Zsolny-Verlag, Wien, herausgebrachten Buch Die Herrschaft der Lüge das Kunststück, über das Thema literarisch ambitioniert zu schreiben und dennoch uneitel zu bleiben. Er schuf ein Standardwerk zum Thema Verführbarkeit zur, Lenkung und Erzeugung von Hysterie in einer Massengesellschaft. Daß diese des Denkens weitgehend entwöhnt ist und Individuen es schwer in ihr haben, Gehör zu finden, muß nicht hinzugefügt werden. Das gehört zum Standardwissen unserer Leser.

 

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Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.

 

 

 
 
 

 

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J. Michael Baerwald ist Herausgeber der Buchmarkt-Portale

 

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