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'Aphorismen zur Lebensweisheit'
Es lohnt sich gewiß, mehr als einen schnellen
Blick auf jene Aphorismen zu werfen, die kein Zeugnis schmalen Blickwinkels sind
oder apokalyptische Gruselgemälde des Allzumenschlichen kultivieren, sondern die
aus einem bedacht gelebten Leben entstanden. Zwar eines Philosophenlebens (was
allzu gerne als gelebte Theorie abgewertet wird), gleichwohl eines der Liebe zur
Weisheit gewidmeten Daseins, das vor dem Drumherum um die eigene Haustür nicht
den Blick verschloß.
Schopenhauer flüchtete sich auch nicht ins
Sarkastische, wie manche herauszuhören meinen, es ist nur das Pointierte seiner
Wortwahl, und er flocht dem Edlen - das er beim Menschen apriorisch als nicht
ausmachbar deklarierte - auch keine Kränze, er nahm einfach kein Blatt vor den Mund.
Er charakterisierte Mängel und Makel, er schnitt den Toren Grimassen auf seine
Art, er minimierte seine Ansprüche an Mut, Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit bis
zum Schmerzpunkt, und er wußte, daß er solche Eigenschaften nur rudimentär
vorfinden würde. Rudimentär, aber eben nicht vergeblich, nennen wir es
archtetypisch, dann treffen wir's genau.
Was machen seine Aphorismen aber so
unvergleichlich, so inkomperabel? Die Lust am Aufs-Maul-Schauen in Addition mit
großer Belesenheit, einer schier universellen Bildung. Auf ihn trifft
zu, was Bildung per definitionem ist: Parallelen dort zu erkennen wo andere
etwas Neues entdecken. Und so verwundert nicht, wenn er beispielsweise im
Kapitel 'Von dem, was einer hat' ausführt: 'Daß die Wünsche der Menschen
haupstächlich auf Geld erichtet sind und sie dieses über Alles lieben, wird
ihnen oft zum Vorwurf gemacht. Jedoch ist es natürlich, wohl gar unvermeidlich,
Das zu lieben, was, als unermüdlicher Proteus, jeden Augenblick bereit ist, sich
in den jedesmaligen Gegenstand unserer so wandelbaren Wünsche und mannigfaltigen
Bedürfnisse zu verwandeln.' (S. 58. d. A.)
Wie zutreffend! Eineinhalb Jahrhunderte
zurückliegendes Streben nach materiellem Besitz, ebensolanges Negieren
geistig-spiritueller Bedürfnisse - kommt uns das nicht allzu bekannt vor? Wir
könnten hundert Generationen zurückschreiten und würden fündig, wir dürfen uns in
die Zeitmaschine setzen und dreitausend Jahre vorauseilen - wir würden fündig!
Was also sagt uns Schopenhauer anderes als Platon uns sagte, als uns die
indischen Veden wissen lassen (denen Schopenhauer wie bekannt ihren ureigenen
Platz in seiner Philosophie einräumte), und sie alle, die nachdachten über die
Misere des Daseins, sie ließen uns wissen, daß Nachdenken eine feine Sache ist.
Daher gibt es sie: all diese Fundgruben des Aphoristischen, die nichts anderes
widerspiegeln als die Fallgruben, in die das Allzumenschliche hineinplumpst. Man
muß nur, aus der Gegenwert kommend, tief genug graben und all die Limeswälle der
Unvernunft ausbuddeln, um in sich selbst seinen Nächsten zu entdecken.
Daß Schopenhauer solchen Nächsten zutiefst
skeptisch beäugt und in ihm einen seine Zeit vertrödelnden Kartenspieler sieht,
macht ja seine Aphorismen so interessant zu lesen. So meint er: 'Man sollte
beständig die Wirkung der Zeit und die Wandelbarkeit der Dinge vor Augen haben
(...). Dies würde eine bleibende Quelle wahrer Weltklugheit abgeben, indem wir
stets besonnen bleiben und nicht so leicht getäuscht werden können.' (S. 192
a.a.O.) Ist das nicht weise zu nennen? Ist das nicht, wonach wir suchen, nämlich
nach einem, der Zeit nicht den Dingen unterwirft, sondern umgekehrt? Der kein
echatologisches Streben nach ewiger Gültigkeit alles Tradierten betreibt,
sondern uns ein Medium vor Augen hält, das als nosce-te-ipsum, als jenes
Erkenne-dich-Selbst, Eingang in die Alltagssprache gefunden hat?
Und so empfiehlt es sich weder für Grantler
noch für Philister, gar Misantropen, sich das im Eduard Kaiser Verlag,
Klagenfurt, 1968 erschienene Buch obigen Titels zuzulegen; vielmehr
und eigentlich ausschließlich sollten bereits lebensklug gewordene Leser (wie
zum Zwecke der Bestätigung eigenes Urteilsvermögens) zu solcher geistreichen
Abendlektüre greifen. Sie werden erfahren wie es ist, sich bestätigt zu fühlen,
ohne daß sie damit Vorurteilen nachgeben. Dies allein macht jene Aphorismen so zeitlos
wertvoll.
►Sonderausgabe
2008
►Sonderausgabe
2009
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J.
Michael Baerwald, Berlin.
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