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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

Schatztruhe

- Sonderausgabe -

 

 

 

 

 

 

 

'Die Biologie der Zehn Gebote'

Es lohnt sich zurückzublicken auf die siebziger Jahre. Die pubertierenden 68er bewegten sich so sehnsüchtig wie konsequent in Richtung Futternäpfe der Nation - und kamen bereits in den späten Achtzigern dort an, wo sie hinwollten: auf die Spielwiesen von Kultur und Rechtsprechung. Die Bürger des Landes applaudierten nicht nur leise, denn es galt ja einiges zu verändern. Berechtigterweise, aber auch ungefragterweise. Darin liegt ihr demokratisches Manko und gesellschaftliches Defizit begründet, sozusagen der Malus im Bonus. Es gab Gegenströmungen, die zwingend auf Tradiertes hinwiesen, tatsächlich Verleger fanden, die auch ebenfalls darauf rekurrierten und sodann Bücher wie das hier vorzustellen beabsichtigte publizierten.

Nun zeugt es zumindest von Lebensweisheit, auf Bewährtes zu setzen, wenn Neues Altes verdrängt, ohne mitmenschlich justiert worden zu sein. Daran krankt im übrigen auch die Jetztzeit, nämlich an mangelnder Legitimation gesellschaftspolitischer Absichten.

Der Autor des Buches 'Die Biologie der Zehn Gebote' erfaßte die seinerzeitige Lage der Nation folgerichtig. Er konstatierte eine gewisse geistig-mentale Amnesie, womit er aus heutiger Sicht weit vorpreschte. Hinzukam ein anti-bürgerlicher Hang zum Atheismus und der Negierung des Guten. Was gut sei? Gut ist das Böse, das man läßt. Analog zum 'Lebens'-Sinn: Sinn ist stets der Unsinn, den man läßt.

Wolfgang Winkler schreibt deshalb: 'Wer fragt, sucht; und nur wer immer weiter fragt, entgeht der Versuchung, Anworten für endgültiger zu nehmen, als sie sind.' Das ist wohl wahr und ein zeitlos gültiges Menetkel aller freien Gesellschaften, deren Bauch durch unerarbeiteten Wohlstand, also qua Spekulation und Übervorteilung des Nächsten - satt und satter wird und im Gegenzug das Fragen leiser und leiser. Im Grunde genommen handelt also die Biologie der Zehn Gebote vom Lebenssinn, denn Unsinn wäre es, ihr memento mori zu überhören oder zu verdrängen, weil man sich über sie erhebt. Doch deren Postulate sind so modern wie eh und je, und es ist kein Moses, es sind keine antiken Gesetzestafeln, in die solcher Dekalog eingemeisselt wurde, es sind die schläfrigen Tage, die Wächter unaufmerksam machen und den Feinden Tür und Tor öffnen.

Der kleine Exkurs 'Was heißt sozial?', den Winkler auf Seite 83 einschiebt, weist darauf hin, nachdem er über 'Tier-Soziologie' und 'Pflanzen-Soziologie' ein Analogon zur Human-Soziologie hergestellt hat: 'Von der menschlichen Soziologie her heißt 'sozial' aber meist 'bewußt auf die Förderung der Mitmenschen gerichtet' und hat einen moralisch bewertenden Beigeschmack, so deutlich, daß rein instinktives, auf den Mitmenschen bezogenes 'moral-analoges' Verhalten, wie es der Verhaltensforscher untersucht und als Sozialverhalten klassifiziert, nicht als 'soziales Verhalten' aufgefaßt wird.'

Daher, kurz und klug in solche Worte gekleidet, rühren die Mißverständnisse: Von der Begehrlichkeit des Nächsten Gut und Hof und alles was sein ist, bis hin zu Legitimierung von Mord und Totschlag im Namen jener Nationen, deren obsessivste Elemente die Selbstbeweihräucherung und das Pochen auf Gottesauserwähltheit sind. Da helfen weder Thora noch Präambeln noch Symbolismen. Moralischen Relativismus ihrer Staatsführer und deren Dulder nennt die neuere Soziologie dies. Ja, und so wird der Leser von Winkler an die Hand genommen und durch das Dickicht der Versuchungen geführt, auch seine subjektiven Interpretationen der Zehn Gebote allem voranzustellen, um vor dem Nächsten als Täter gerechtfertigt zu erscheinen. In diesem Sinne, also solchen Versuchungen zu widerstehen und sich eines klugen Wegweisenden zu versichern, ist das von Wolfgang Winkler bei Piper in München 1971 edierte, mit einem reichhaltigen Literaturverzeichnis ausgestattete Werk zu verstehen. Es gehört zu den moralisch antizyklischen Publikationen jener Zeit und ist daher nur wärmstens zu empfehlen.

 

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Sonderausgabe 2008

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.

 

 

 
 
 

 

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J. Michael Baerwald ist Herausgeber der Buchmarkt-Portale

 

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