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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Schatztruhe

 

 

 

 

 

'Über die Liebe zum Leben'

 

Der Psychoanalytiker Erich Fromm galt in den Siebzigern als Mentor einer 'linken' Gesinnungsethik, saß mit Horkheimer, Adorno und Mitscherlich und wie sie alle hießen, sozusagen in jenem Boot, daß zielsicher die Riffe der deutschen Gesellschaftspolitik streifte, um deren soziale Gefährlichkeit aufzuzeigen. Die erwuchs ihrer Deutung nach in einem Gemenge von Widerstandsgeist der 68er-Generation und dem Konservativismus der Nach-Adenauer-Ära, deren Wellen als Ausläufer eines strikten Bewahrens dessen, was man als 'keine Experimente machen', immer noch zu spüren waren.

In dieses Umfeld trat Erich Fromm als Mahner auf. Sein Credo ließ sich als permanente Frage nach dem Ziel unseres Arbeitens zusammenfassen und ob sich dieses Ziel in dem bloßen Streben nach Konsum und Produktion erschöpfe, oder ob nicht eine gewisse Transzendenz jeglichem Schaffen immanent sein müsse.

Diese Frage ist weder zuvor noch danach grundsätzlich beantwortet worden. Von wem auch? Von der Masse der Arbeitenden? Vom hermetischen Zirkel der sie Beaufsichtigenden? Von Berufs-Philosophen gar? Von Sozialisten? Kommunisten? Konservativen? Liberalen? Nein, von keinem ihrer Exponenten. Sie tragen zu schwer an ihren erkenntnistheoretischen Postulaten, da bleibt keine Zeit für ein Ausleseverfahren in praxi, also dafür, die Spreu vom Weizen zu trennen...

Und so tritt der Moralist Fromm auch heute noch auf als einer, der das Manifest des Nachdenkens über das, was die Menschen organisatorisch in strenge Regeln und Bahnen einspeisen, hochhält, und zwar auch unterhalb der sichtbaren Welt - doch der Klang seines Namens ist sehr, sehr leise geworden. Vielleicht, weil er nicht rein erkenntnistheoretisch argumentierte, sondern auch aus der Praxis heraus.

Er ist also vergessen worden, zu Unrecht. Es mag viele Einwände geben gegen seine Prophetien, die natürlich der Zeit, in der sie erstellt wurden,  zuzumessen sind und sich in allen Aussagen stets eng an Freud orientieren. Es mögen deshalb auch die vielen Auflagen seiner Bücher nur noch einen kleinen Kreis Nachdenklicher erreichen - immerhin aber sagt uns Fromm etwas zeitlos Gültiges: 'Es ist unschwer zu beweisen, daß vieles gut war für die Industrie, was schlecht war für den Menschen. Das ist heute unser Dilemma. Wenn wir weitermachen wie bisher, geht der Fortschritt auf Kosten des Menschen. Deswegen haben wir eine Entscheidung zu treffen. Wir haben, biblisch gesprochen, zu wählen zwischen Gott und dem Kaiser. Das hört sich dramatisch an; wenn man aber ernsthaft über das Leben spricht, dann wird es dramatisch. Es geht mir im Moment nicht nur um die Fragen nach Leben oder Tod, sondern um die Frage des zunehmenden Totseins oder Lebendingseins im Leben. Alles kommt darauf an, lebendiger, lebensvoller zu werden. Darüber täuschen sich die Menschen immer hinweg. Sie leben, als ob sie zu leben aufgehört oder gar nicht zu leben begonnen hätten.'

Wenn Fromm davon sprach, daß dies heute unser Dilemma sei, dann schreibt sich das Heute 1986 - fast ein Vierteljahrhundert später aktualisiert sich die Feststellung krisenbedingt per se, so als ob es einen Deus ex machina gäbe, der die antike Dramaturgie ins 'richtige Leben'  verfrachtete, um die Menschen wieder einmal Mores zu lehren.

Und weshalb hat alles nichts gefruchtet? Weil das Totsein in diesem 'richtigen' Leben die Ernte ist, die ein jeder einfährt, gleichwie er geschaffen oder geartet ist. Gibt es hieraus einen Ausweg? Fromm benannte ihn (in unvermuteter Anlehnung an Kant) als die Befreiung aus der selbstauferlegten Unmündigkeit. Und siehe da: Dies gelingt durch Nachdenken über den eigenen Standort, durch nichts anderes. Was dieses Nachdenken gebiert sei vorausgesagt: Es erwächst ein antizipatorisches Verhalten aus dieser Saat, deren Keim einzig und allein von uns selbst eingepflanzt wurde. Daraus wird man dann klugerweise auch jedwede Grundzüge des wirtschaftlich fundierten Determinismus ableiten und sich darauf einstellen können. Zinsjagden und leistungsloses Einkommen würden als das gebranntmarkt, was sie de facto sind, nämlich eine sich selbst vernichtende Erwartung ans Zukünftige.

Das klingt nach einer gewissen Exegese der Innenlebens und des Wohins des eigenen Gewinnstrebens - machen wir uns also nichts vor: Der Mensch wird schwach durch die Verlockungen all der Kaiser dieser Welt, denn er bevorzugt das Unmittelbare der Wunscherfüllung, die süßen Melodien der Verführer, und er zögert mit der Umsetzung seiner Vorhaben, solchem irrenden Sinn der Außenwelt zu widerstehen - also wird er Fromm zwar lesen mögen, weil der so eingängig formuliert, gleichwohl dessen Weissagung trotz der aktuellen Konsumkrise (denn etwas anderes ist sie nicht, und schon gar nicht etwas Schicksalhaftes), für beachtenswert, aber nicht für achtenswert befinden. Viele sind berufen, doch nur wenige sind auserkoren, so heißt es. Und dies gibt die Zielrichtung Fromms vor, man mag sein Umfeld mögen oder nicht, immerhin wies er den Weg, der in die Liebe zum eigen Leben mündet.

Und so dürfte Erich Fromms 1986 bei dtv in München erschienes kleines Bändchen Über die Liebe zum Leben etwas für den Autor Unbeabsichtigtes beinhalten, nämlich ein Alibi-Kopfkissen, das auf das gewohnte aufgelegt wird, um sich vorzugaukeln, sich damit etwas Gutes zu tun. Dem ist aber nicht so. Nacken und Kopf nehmen eine unnatürliche, abgeknickte Haltung ein. Man erwacht mit Schmerzen, nicht mit Schwung. Und so wird das Jahr 2030 eine ebensolche Aktualität aufweisen wir anno domini 1986 oder 2009. Wer stets ad interim lebt, ist durch die Zeitläufte auch dann nicht klüger geworden, das ist eine Lebenserfahrung.

 

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Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.

 

 

 
 
 

 

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J. Michael Baerwald ist Herausgeber der Buchmarkt-Portale

 

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