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'Meine süße Augenweide'
Der Untertitel lautet allzu treffend:
Dichter über Maler und Malerei. Er umreißt bereits den Inhalt, obgleich sie
doch alle noch vor den suchenden Augen des Leser schweigen: die Großen unter den
Dichtern. Bezeichnenderweise begegnen sie uns als 'die Alten':
Mendelssohn... von Hagedorn... Lichtenberg.... Heinse... Merk... Herder... Wackenroder... und,
unvermeidbar, Wölfchen und Fritz sowie vierhundert Seiten
weiter Glaßbrenner, Grillparzer, Fontane, Ebner-Eschenbach und viele andere.
Die Zeit, sie
flieht uns, wenn wir einmal die Wertschätzung, gewiß auch die Ehrerbietung,
die 'den Alten' gebührt, coram publico weniger als einen Hauch unserer Gegenwart
widmen, und sie flieht uns zurecht. Was wissen wir, geben wir es ruhig zu, von
Inspiration und Gedankenfülle, vom Kreislauf des Genialen, vom üppigen Sprießen
der Kreativität jener, die sich dichterisch Gedanken über Kern und Wesen der
Bildenden Künste, insbesondere der Malerei, machten?
Allein die kaum zweihundert
Zeilen, die uns Jean Paul hierbei adressiert und die er einleitet mit Die verschiedenen Gesichtspunkte,
woraus der Teufel, der Tod und der Maler die Welt ansehen ist es wert, sich
ihnen zu widmen. Im ersten Satz speisen sie das ab, was uns die moderne Neurobiologie
qua wissenschaftlicher Erkenntnis nehmen will, angeblich die tönernde Illusion, selbst zu sehen und
das Gesehene sodann nicht als pars pro toto zu nehmen. Jean Paul sagt dazu: Die Welt
hat so viele Gestalten, als Augen sie betrachten. Recht so gedacht! Der
Umkehrschluß legte uns nämlich anderer gedachte Welten zu Füßen, was Wunder, daß
manche, soziologisch gerechtfertigt, auf ihnen herumtrampeln und wäre es 'nur'
durch talentfreies Graffiti...
Deshalb sei dem Leser und neidlosem
Bewunderer fremder Größe angeraten, deren Motive nicht im Austragen von
Meinungsgefechten zu sehen, sondern im ganz naiven, wertfrei-reflektiven
Betrachten von Kunstwerken der Malerei. Von Watteau bis Delacroix spannt sich
der weite, weite Bogen, und es spannen sich endlose Brücken der Diskurse über
sie hin. Wundervoll! ist man versucht auszurufen, denn soviel Emphase
wird uns Heutigen direkt unheimlich vor dem Hintergrund elender
Kosten-Nutzen-Rechnungen, also Fakturen, die wir uns selbst präsentieren und
nicht einzulösen vermögen. Es mangelt uns an akzeptierten Werten, die von der
Vernunft verifiziert
werden könnten. Das Ich ist nämlich, sofern nicht völlig durch Begierden
korrumpiert, unbestechlich.
So gesehen hat Klopstock den Nagel auf den Kopf
solcher selbstbezogenen Fakturen getroffen: Der Geschmack war schon oft von
den schönen Wissenschaften und von den schönen Künsten gebeten worden, ihren
alten Streit um den Vorzug zu entscheiden. Allein er hatte dieser Entscheidung
noch immer auszuweichen gewußt. Sehen Sie, lieber Leser, steht darunter
unsichtbar geschrieben, wie es zugeht in den Köpfen all der Gestalten, deren so
viele sind, daß sie die Welt so ichbezogen betrachten, wie sie in ihnen daselbst
angelegt wurde?
Oder weniger sentimental: Der Einäugige gilt unter Blinden zwar
als König. Das mag wahr sein, wahr ist aber auch, daß dieser oft weniger sieht als
der Blinde in seiner Imagination der Welt. Und wer all das so
unprätentiös Dargebrachte nachlesen möchte, der findet es in diesem vorzüglichen
Werk, 1977 im Buchverlag Der Morgen zu Berlin verlegt, vor. Es
verfügt über alle Macht die Augen zu öffnen.
Schatztruhe
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Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J.
Michael Baerwald, Berlin.
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