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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Schatztruhe

 

 

 

 

 

Ich hab' Mein Sach' auf Nichts gestellt

 

'Was soll alles meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein: 'Pfui über den Egoisten, der nur an sich denkt!'

 

Welche Aktualität! Welche Authentizität der Gegenwart! ist man versucht auszurufen. Welche Wahrheit! Welche Treffensicherheit der Analyse! -- Doch weder Aktualität noch Authentizität noch die Wahrheit des Angeschauten werden getroffen - weshalb nicht? Weil Zeitlosigkeit weder semantisch faßbar noch linguistisch festlegbar ist. Zeitlosigkeit herrscht und beherrscht, und zwar Gestus und Mimik, Leidenschaft und Verführung, Kalkül und Widerstand, Regelwerk und Kanon sozialpolitischer Brachialgewalt.

So begegnen wir also dem Rebellen Max Stirner (eigentlich als Kaspar Schmidt in die Welt des beginnenden 19. Jhts. eingetreten) als einem der Unsrigen wie die Gestrigen ihn als einen der Gegenwärtigen sahen. Man wird ihm nachsehen, daß er Hegel, dem Staatsvergötzer, und Feuerbach, dem Gottverneiner, in jungen Jahren nahestand, ehe er sich intellektuell emanzipierte und zum Philosophen des konsequenten Individualismus wurde. Stirner dürfte damit der Solipsist allerreinsten Wasser sein. Niemand nach ihm (höchstens Alfred Adler als Individualpsychologe) näherte sich dem - galt solche Ichzentriertheit doch als Ausdruck allerhöchsten Egoismus'.

Wer von uns Heutigen jedoch könnte Stirner auch nur mit einer Silbe widersprechen? Soll denn nicht wie seit der Reichsgründung anno '71 alles 'Meine Sache' sein, nur 'Meine Sache' nicht'? Gilt nicht als Defätist, wer die politcal correctness, jenes inquisitorische Dogma maßlosen Egoismus', für sich außer Kraft setzt und Meinungsbildner aus eigener Anschauung wird?

Und damit treten wir - oft unwissend und ungewollt - der Stirner'schen Fraktion der Widersprechenden bei. Er ruft uns zu: Warum wollt Ihr nun nicht den Mut nichts fassen, Euch wirklich ganz und gar zum Mittelpunkt und zur Hauptsache zu machen?' Ja, warum nicht? Wohl weil die in den 80er Jahren geschnitzte Keule sofort auf den, der sich zum Mittelpunkt macht, niedersaust? Die Keule mit der fetten Aufschrift: Nieder mit der Selbstverwirklichung! Und gerade deshalb ist Stirner sowohl aktuell als auch zeitlos: Es gibt solche Keule allenthalben, und es ist gerade der unverdiente, fremdfinanzierte Wohlstand, der die Schnitzer als Gegner des Ichs formiert, die, aus sicherer Warte heraus, niederstrecken, was nicht sein kann, weil es nicht sein darf. Sie begreifen sich als Staatsräsonisten eigener Gnade. Aber es erwachsen ihnen gottlob Widerstände durch eine Geisteshaltung, die Verachtung philosophisch buchstabieren kann und Geringschätzung als Maßstab an das 'Unser' als programmierte Entmündigung des Ichs anlegt. Und siehe da - Max Stirner erfährt eine Renaissance, man muß sie nur zu fördern wissen.

Wer und was fördert seine Postulate nach mehr als 150 Jahren? Der stärker werdende Drang nach Selbstentfaltung durch Abwehr unverschämter Eingriffe ins Selbstbestimmungsrecht. Er manifestiert sich in der Umwidmung dieser Worte: 'Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein: 'Pfui über den Egoisten, der nur an sich denkt!' Aber Absender und Adressaten beginnen zu wechseln, und so kreiert Zeitlosigkeit der Anmaßung ein aktuelles Forum des Widerspruches. Variatio delectat! In diesem Sinne feiert Stirner ein Fest der Auferstehung des Glaubens ans Ich als Manufaktur des (rechtschaffenen) Geistes, der alles hinterfragt, was objektiver Begründung widerspricht. Es mögen Rabulisten und eristische Dialektiker noch so eifern: Stirner bleibt Sieger!

Wer sich ihm mental und intellektuell nahefühlt, der möge in Reclams Band Nr. 3057 von 1972 'Der Einzige und sein Eigentum' nachblättern. Auf Seite 42 wird er einer Aussage begegnen, die aller objektiven Wahrheit verpflichtet ist: 'Wenn man einer Sache auf den Grund schaut, d.h. ihrem Wesen nachgeht, so entdeckt man oft etwas ganz anderes, als das, was sie zu sein scheint: eine  honigsüße Rede und ein lügnerisches Herz, pomphafte Worte und armselige Gedanken.' Dies als Parameter der Wahrheit in sich zu implementieren gilt damit als zwingernde Empfehlung. Stirner wird post mortem anerkennend auf die Schulter klopfen. Dessen darf man gewiß sein.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.

 

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