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'Ich verwandle mein Leben in Sinn'
Grassiert der Virus des Ultra-Skeptischen?
Nein, denn er beansprucht nicht die Aktualität als sein Refugium, vielmehr
zeichnet er sich in seiner psychisch erodierenden Wirkmächtigkeit als zeitloses
Phänomen aus.
Phänomen?
Griechisch
φαινόμενο
fänόmeno
bedeutet
Erscheinung, Sichtbares,
was bei flüchtigem Lesen eher das physische
Phänomen als solches hervorrufen mag, bei gezieltem Nachdenken allerdings sehr
schnell auf die Deutungsmuster seelischer Äußerungen kommt. Sehr vereinfacht
gesagt, manifestieren sich Seelenregungen durch ihnen entsprechende
Handlungsarten, welche wiederum, wie Reaktionen auf bestimmte Ereignisse, zu
Handlungs- und Reaktionsmustern führen. Dem erfahrenen Psychotherapeuten
eröffnen sie Einblicke in die Unterschwelligkeit von Ängsten, deren
determinatorische Wirkungen gleich Wellen in einem See sind, in den ein Stein
geworfen wurde. Sie zentrieren das Gebiet des Ereignisses und senden
symmetrische Bewegungen ans Ufer. Mögen die auch dem Auge noch so winzig oder
fast nicht erkennbar sein, sie sind dennoch vorhanden. Physischerseits, und
transzendiert, psychischerseits.
Hier setzen die Autoren des Buches an und
fächern, je nach Blickwinkel, als Psychiater (Hermann Lenz), als
Psychoanalytikerin (Katerina Liveriou) und als Pastoraltheologe (Gottfried
Griesl) das innerseelische Beben auf. Das erfolgt, ohne beim Leser ein
psychologisches Studium vorauszusetzen, in recht gemächlicher Weise und scheint
auch der Intention des Auftragswerkes zu entsprechen. 'Gemächlich' zu schreiten
bedeutet im vorliegenden Falle nicht auf der Stelle einer Erörterung mehr oder
minder lang zu verharren, sondern ein thematisch qualitativ geprägtes Festzurren
von Lehrsätzen. Die indes erscheinen dem Leser nicht als solche, sie
beabsichtigen vielmehr, einen didaktisch motivierten Kunstgriff vorzunehmen,
nämlich Nachhaltigkeit des Gelesenen zu bewirken. Das ist rar geworden, denn
Eile diktiert 25 Jahre nach der Publikation des Buches Stil und Lesart.
Dem Leser, geruhsam schreitend, wird es
mitunter wie eine Zeitreise vorkommen, in der Wissen noch bleibenden Charakters
war, nicht flüchtigen. Wenn also Lenz von der Zeit als einem linearen
Begriff einer kausalen Abfolge von Geschehen spricht, so stellt er dies in einen
weitumfassenden Kontext mit dem, was der Einzelne womöglich in der Wirkung einer
Ursache als Leid, als Verlust von Würde, als Zufügung von Kränkung empfindet.
'Die Zeit heilt alle Wunden' weiß Volksmund zu soufflieren, was recht mager als
unmittelbarer Trost ist, jedoch der Wahrheit sehr nahe kommt. Vor diesem
Hintergrund kann der Leser erkennen, d.h. es reflektiv ausmachen, daß das, was
er gerade durchleiden mag, von großer Relativität gekennzeichnet ist. Das
könnte, muß aber nicht trösten. Es entfaltet nur dann Trost, wenn das
Selbstgefesseltsein im Leid als vorübergehend verstanden wird, denn in der Tat
weicht irgendwann die Ohnmächtigkeit der Kraft, sie zu beenden.
So spricht Liveriou von der Aufgabe des
Betroffenen zur Selbstannahme, d.h. zur Hinwendung an sich selbst anstatt zur
Hinwendung an die Außenwelt als korrektive Instanz. Auch das ist wahr, weil
Erwartungen, die wir dem Außen entgegenbringen, die Entschlußfreudigkeit des
Äußeren zur zweckfreien Hinwendung an uns bedingen. Das aber erweist sich - die
Zweckfreiheit betreffend - stets als illusorisch. Es sind immer offene oder
stillschweigende Bedingungen mit einer Hilfestellung verbunden, was jeder von
uns zugeben muß. So ist das Leben, könnte man lakonisch einwerfen - natürlich,
so ist es, muß es aber nicht sein. Weshalb und welche Parameter der
Hilfeleistung man an sich selbst anlegen kann ohne Angst und Bürde, das beweist
die Autorin an Fallbeispielen. Sie stehen exemplarisch für alle Leidbetroffenen,
denen der Sinn ihres Lebens in desaströsen Situationen abhandengekommen zu sein
scheint. Es geht also praktisch zu.
Wenn am Schluß des Buches ein
Pastoraltheologe das Wort ergreift, trägt dies eine fast ikonographische
Handschrift. Hier jedoch tritt der Theologe zurück, wenngleich er in
Glaubenssätzen Trost zu spenden versucht, interessanter aber ist, welche
Aufgaben christlicher Seelsorge er für trostimmanent hält. Der Mensch fühlt sich
im Lebensgang wie angehalten, meint er und weist auf den Kern der Lebenskrise
hin: 'Es handelt sich immer um eine leidvolle Störung des Daseins, die das
gegenwärtige Gefüge als unbefriedigend erweist und das kommende in Frage stellt.'
Und er fährt fort, was die Essenz seine Trostverabreichung ausmacht: 'Solange
der Leidende in der Krise das Schicksal zum Sündenbock macht und dort das Alibi
sucht, um nicht sich umstellen zu müssen, kann ihm nicht geholfen
werden.'
Damit psalmodiert er nicht jene
töricht-ignoranten Worte, die 'Gottes unerforschlichen Willen' allem
voranstellen und hinzufügen, was uns Menschen an Drangsal widerfährt, vielmehr
weist er auf die Unabdingbarkeit eigenen Handelns zum eigenen Wohle als
Ausgangsort des eigenen Genesenkönnens. Das ist eine wenig geäußerte, deshalb
umso wohltuender wirkende Anmerkung zu dem, was die Psychoanalytikerin
ausführte. Deshalb tut sich der Leser, der die (leidvolle) Gegenwart seines
Lebens sinnverwandeln möchte, selbst den größten Gefallen, wenn er das bei
Herder, Freiburg, 1985 erschienene und leider nicht wiederaufgelegte Werk
Ich
verwandle mein Leben in Sinn liest, um dann festzustellen, das tatsächlich die
Außenwelt keinerlei zweckfreie Anstalten trifft, um ihm zu dienen. Der
Genesungsprozeß, selbst initiiert, erweist sich als das einzig probate Mittel, um
sich von der Selbstfesselung zu befreien!
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Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J.
Michael Baerwald, Berlin.
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