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'Inkompetenzkompensationskompetenz'
Ein schmales gelbes Bändchen mit dem
verheißungsvollen Titel Abschied vom Prinzipiellen birgt in seinem Innern
auf den Seiten 23 bis 38 einen wahren Schatz, überschrieben mit jenem
Zungenbrecher, der diesem Aufsatz hier den Titel lieferte. Ein Schatz insofern,
als er - wer wüßte Odo Marquardts listiger Wortgewalt noch etwas hinzuzufügen -
das Dilemma zeitgenössischer Philosophie so amüsant enthüllt wie dieser. Was
macht ihn amüsant? Die Eloquenz, mit der all die selbstberuf'nen Strengen, die
nichts Fremdes gelten lassen (Rüc kert), einen Kanon entwickelt haben, den einer
wie Habermas in selbstüberhöhender Verkennung der seit Platon geltenden
Voraussetzungen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit zu einem Diktat der Vernunft
verschrumpfte. Vernunft? Menschliche Vernunft? Da muß man tief und innig lachen:
Es gibt sie so wenig wie die es Höhlenschatten als Dictum einer omnipräsenten
Hyper-Vernunft gibt. Hat sich das nicht schon herumgesprochen? Bei denen, die von der
Philosophie qua universitärer Festbestallung leben, jedenfalls nicht; bei jenen,
die für die Philosophie leben, selbstredend. Sie schweigen. Der Gießener
Marquardt ist also ein Novum, denn er könnte wohlfeil reden, beißt sich aber
lieber auf die Zunge, als dies zu tun. Und so verfaßt er ein Kompendium o.g.
Titels, in dem er alles - von der Tragödie der Philosophie bis hin zu ihrer
Quasi-Rehabilitation - einschließt, was vonnöten ist, um der Liebe zur
Weisheit keinen Abbruch zu tun. Zielgruppe: natürlich diejenigen, die für die
Philosophie und nicht von ihr leben. Er gießt die Philippika nämlich in solchen
uneitlen Satz: (...) denn schon immer hat es Philosophen gegeben, die für nichts
zuständig, zu manchem fähig und zu allem bereit waren (...). Und da greift
der Titel sozusagen komplementär ins heuristische Räderwerk, indem er die
Inkompetenzkompensationskompetenz als verräterischen Pfusch der Großmäuler unter
den heutigen deutschen Philosophen recht fein ziseliert offenbart. Wer unter
ihnen hat denn schon ins Schwarze getroffen und das Wozu-bin-Ich vom
Nutzenwissen entblößt, wer von ihnen, deren Namen gar nicht zu nennen die Ehre
haben dürfen, hat sich in jene Höhle begeben und erläutert, weshalb wir selbst
nur Schattenspiele der eingebildeten Vernunft abgeben und nicht ein Tabula rasa der absoluten
Erkenntnis sind? Etwa weil Kant dazwischenfunkte? Weil Platon falsch begriffen wird?
Vielleicht; nach Marquardt indes ist's die Hybris der Philosophen zu meinen, sie
würden etwas in der Welt gelten. Das ist von vitaler semantischer Bedeutung,
ihre Schriften betreffend, und er meint ergänzend
in deren Geistes-Duktus formulierend: 'Denn was nicht für die Kritik ist, ist gegen
die Kritik und also Sünde.' Und so schleicht sich der Verdacht ein, hier
beschmutze einer das Nest, in dem es sich alle so heimelig gemacht haben. Nein,
er plustert sich nicht auf, um mehr Platz zu beanspruchen, sondern er resümmiert
die lange, lange Geschichte von der Idee, die einer Welt, unserer Welt,
zugrundliegen müsse, um verstanden, verinnerlicht und in Taten umgesetzt zu
werden. Und siehe da, die Inkompetenzkompensationskompetenz ist die Idee sui
generis aller Zeiten! Sie beweist die Taschenspielertricks derer, die uns von
außen heimleuchten und die uns im Innern unserer Weltenhöhle die Mechanismen der
Schattenspiele erläutern. Ob als Hermeneutiker oder Exeget - der Unterschied ist
nur gradueller Natur, denn sie reden alle von etwas, das nur sie zu verstehen
vorgeben. Und so hat uns der famose Odo Marquardt ein Stückchen Wahrheit,
nämlich die grelle Wahrheit der Entlarvung all der Kompensationsartisten unserer
und verstrichener Zeiten nahegebracht. Näher, als es 99,9 Prozent der gewandten
Profi-Lügner überhaupt ahnen. Sie lehnen es ja ab dazu zu lernen. Ihnen beizukommen
gelingt aber mit diesem kleinen Kompendium, versteckt in einem Reclam-Büchlein aus
dem Jahre 1981. Quod errat demonstrandum!
Schatztruhe
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Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J.
Michael Baerwald, Berlin.
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