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'Ohne Lüge leben'
'Utopische Perspektive ist eine Gesellschaft,
in der die Menschen zueinander offen sein können' - so lautet der rückseitige
Klappentext des Verlages. Nun ja, es war wohl Altkanzler Helmut Schmidt, dem der
Ausspruch zugeschrieben wird, daß 'wer Visionen hat auf die Couch muß', und es
ist dem nichts hinzuzufügen. Weshalb, so hört man unsere Leser fragen, die Monat
für Monat zu Zehntausenden in den Fundus der 'Schatztruhe' greifen, weshalb dann
unsere Aufmerksamkeit auf solches Buch lenken?
Dafür gibt es zwei gute Gründe: zum einen,
daß allmählich die Erkenntnis reifen muß, daß visionsträchtige Abhandlungen, ob
universitäre Traktate oder hausaufgabenmäßige Miszellen, realiter keine
Ansprüche mehr auf Glaubwürdigkeit stellen dürfen. Utopien versauern den
Intellekt, und versauerte Intellekte führen zu Aporemen, die irgendwann in den
Stand des Tatsächlichen gehievt werden, weil sie politisch opportun sind. Der
andere Grund ist der, daß in einer Zeit, in der landauf, landab von 'Bildung'
geschwätzt wird und lediglich eine nutzmenschliche Berufsausbildung gemeint ist,
Euphemismen wie diese eine gewollte Breitenwirkung erzielen, nämlich daß auch
der Dümmste seine Berufsausbildung als Bildung interpretiert. Von Humboldt hat
er jedoch sowenig gehört wie von Le Bon, der ihn als Massenseele dem Reich der
intellektuell Bedürfnislosen hinzufügte. Dort dämmert er dahin und jubelt, wann
es ihm befohlen wird, und hysteriert, wenn ihm etwas als apokalyptisch
suggeriert wird, und räsoniert über Dinge, die seiner Meinung nach die
Welt im Innersten zusammenhalten - ohne je etwas vom sauren Heinrich F. gelesen
zu haben...
In diese Welt also will Plack eingreifen,
werbend für die Idee des lügenlosen Umganges miteinander, und intervenieren - und
füllt damit ein rund 440 Seiten umfassendes Buch. Das ist thematisch nicht nur infantil im
wohlwollenden Sinne, im kritischen stellt es eine der großen Torheiten
dar, die in Gehirnen aller Erkenntnistheoretiker wachsen, heranreifen und sich dann
ihren Weg coram publico bahnen. Wenn Plack nun auf S. 93 ausführt: 'Nivellieren
kann man nur nach unten, indem man einem Ärgernis erregenden Zuviel die Spitze
abbricht; indem man Begabung ihrer Neigung entfremdet. Das ist die Praxis eines
Sozialismus, der nicht aus Nächstenliebe und mitmenschlicher Solidarität,
sondern aus dem Neide erwächst.'
Er brachte sein Buch 1976 heraus, 35 Jahre
später ist es ebenso falsch angelegt wie seinerzeit. Nämlich: Die Erosion des
Intellektuellen geht zuerst mit der Nivellierung von unten nach oben einher,
nicht von oben nach unten. Das zu behaupten ist bequem und Argument eines
Soziologen, der er u.a. auch war. Erst wenn der Druck von unten durch das graue Mittelmaß wächst,
erst dann nötigt sie, 'die oben sind', sich ihm anzupassen, nicht
vice versa. Sonst rollen Köpfen und scheitern Karrieren. Mittelmaß hat nichts,
kann nichts und wird nichts. Es ist der alleinige Inszenator vom Untergang einer
sich selbst durch Permissivität fesselnden Gesellschaft. Die Geschichte ist hier
ihr Lehrmeister.
Solcherart ist stets die Ausgangsposition aller
Paradigmen. Beispiele des intellektuellen Verdorrens und der politisch
erzwungenen Mittelmäßigkeit, die alles wegbeißt, was das Grau hell einfärben
will, findet sich zuhauf in der politischen und universitären Zielkennung. Sie
wird angepaßt an was auch immer. Der Protest bleibt aus, denn es leben die
Lehrenden von ihren Geldgebern. Deshalb buckelt die Wissenschaft. Unabhängiges Forschen
ist zur Legende verkommen; und so sieht es in der
Berufsausbildung aus, wo reine Nutzenmenschen geformt und verschlissen werden;
und so sieht es im Kulturellen aus, wo Kunst nicht mehr l'art pour l'art ist,
sondern subkulturelles, steuerfinanziertes Terrain; und so sieht es in den
Erziehungswissenschaften aus, wo die Stromlinie als Ideal das humanistische
Ideal ersetzt hat; und so sieht letztlich das aus, was Plack als 'Sozialismus'
definiert, der letzten Endes, Jahrzehnte danach, zur christlich legitimierten
Scheinkultur eines rein monetären Miteinanders und aufeinander Angewiesenseins verkümmert
ist.
Solche Entwicklung war vorhersehbar, denn
eine sich der Permissivität selbstverpflichtende Massengesellschaft ist eine
neosozialistische Gesellschaft. Allen Repressionen ausgesetzt, allen
Schwierigkeiten, die das Leben so mit sich bringt, lebensuntüchtig gegenüberstehend
und
ausgeliefert der Willkür ordnungspolitischer Denkmuster. Dies ist nicht
etwa der Status quo ante, sondern der gesellschaftlich hochexplosive Status nascendi.
Und was
hat der Autor dem vorausschauend, so will er jedenfalls seine Worte begriffen wissen,
entgegenzusetzen? Nichts. Es ist schon fast amüsant zu lesen, wie er sich auf S. 251
Satz für Satz selbst widerlegt und glauben machen will, die Lüge argumentativ
aus der Welt schaffen zu können: 'Die Gesellschaft als Ganzes wirkt nur durch
die rohe Kraft der Masse, nicht durch Motive und Werthaltungen, die in ihr
dominieren. Die Ausbreitung von Motiven ist Sache einer durchaus von oben, von
den moralischen Instanzen, Kirche, Staat, gleichgeschalteten Pädagogik und der
politischen und kommerziellen Manipulation der Erwachsenen.'
Natürlich kennt er Le Bon und hat ihn
interpretiert; natürlich kennt er auch die Milieutheorie; natürlich weiß er um
den Stellenwert der Dialektik in einer sich frei dünkenden Gesellschaft, die von
den demokratischen Prinzipien soweit entfernt ist wie die Erde vom Hundsstern.
Die klugen Leser unseres Portals haben also längst erkannt, was Plack
inszenierte, nämlich sich selbst als Hüter seiner Brüder, womit wie selbstredend
alle adressiert sind. Und er hat auch längst erkannt, weshalb ihm die Lektüre
des Buches dennoch nützen könnte: weil es exakt das Sammelsurium von
antidemokratisch-methodischen Glaubensinhalten transportiert, die alle
Berufslinken zelebrieren. Die alte Lüge wird
somit heute bei jener seltsam organisiert bejubelten Partei (der Plack'schen 'rohen
Masse') als Lösung aller Probleme und als Beendigung des Weltschmerzes weiterhin suggeriert.
In diesem Sinne mag das 1976 bei der DVA in Stuttgart
erschienene Buch Ohne Lüge leben (aus dem hier zitierten: Fischer, FFM,
1987) der Stoff sein, mit dem er die Nivellierten unseres Landes aufpolstert,
damit die wenigstens ein wenig an Statur gewinnen. Entblößen tun sie sich sich
dann selbst. Das besorgt 'die gleichgeschaltete Pädagogik'. Ihr zu entrinnen sei
aber möglich, Herr Dr. phil. Plack? Gestatten Sie bitte ein wieherndes
Gelächter. Die Lebensläufe einiger 68er, später zu politischem Wohlstand
gekommenen, Ihnen kongenialen Anti-Bürger legen beredtes Zeugnis für die
Versteigung der Lüge, nicht deren Erosion, ab.
Eine aparte Reise ins Land der praktischen
Realität hingegen können Sie unternehmen, wenn Sie
Die Herrschaft der
Lüge von J. F. Revel als Signum aller unserer 'demokratischen' Gesellschaftssysteme
kennenlernen möchten. Sie entläßt Sie mit der Gewißheit, daß Zauberer und Hexen
nur in utopischen Märchen beheimatet sind, die in Menschengestalt benennen wir
anders. Sie sind uns allen bekannt und können sich nicht mehr verbergen.
Schatztruhe
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Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J.
Michael Baerwald, Berlin.
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