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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Schatztruhe

 

 

 

 

 

'Philosophie des menschlichen Konflikts'

 

Es scheint angesichts der Wirren um Gegenwart und Zukunft Zeit für eine Retrospektive in Sachen Daseinsbewältigung zu sein, und zwar als ein Blick auf jene Zeit, in der - lange vor den Hippies - bärtige, schwarzgewandete Gesellen in schummrigen Kellerkneipen saßen, von Emphatie und Empathie redeten, nächtelang über Reiskörner als Inkarnation des Lebenssinnes schwatzten - und wieder einmal die Welt verändern wollten. Nota bene für andere, nicht für sich selbst. Sie sahen sich als Fixstern am Himmel einer Philosophie, die Nichtwissende zur Corona verdammten, so als sei das Heil der Welt nur für Auserwählte erfaßbar und von diesen wie Knetmasse formbar.

Es reüssierte damals die magische Zeit der Existenzialisten, die Zeit Sartres (der diese Bezeichung prägte: L'Etre et le néant), Jaspers, Heideggers, Kierkegaards und aller, die der menschlichen Existenz antirationalistisch gegenüberstanden und die Bezüge zur göttliche Transzendenz herzustellen bestrebt waren. Nun ja, es waren die 'göttlichen' 50er Jahre, resp. deren Beginn und Mitte, und es blieben von all jenen Unterzeichnern einer virtuellen Charta unveräußerlicher Rechte zur Erlangung transzendaler Erfahrungen nur wenige übrig: Die heute zu nennen produziert eher milde Nachsicht, da wir angeblich im Zeitalter der endgültigen Aufklärung angekommen sind.

Sind wird das? Nein, der uralte Satz ex nihilo nihil beweist gerade das Gegenteil: Wir Menschen sind einander nach wie vor ein Rätsel, ein in der Tat axiomatisches Unding, weil wir entweder Verstand besitzen und ihn nicht nutzen oder weil wir ihn nicht nutzen, da wir ihn besitzen - und elende Angst vor den Postulaten seiner rationalisierten Weltsicht haben.

Und so geistern weiterhin antirationalistische Theoreme um die Welt, entzünden Irrlichter, schwätzen von der Phänomenologie des menschlichen Geistes und verzichten darauf, dort anzufangen, wo alles Elend der Erkenntnis begraben liegt, und zwar seit Aristoteles, nämlich in der dumpfen Gruft der Angst. Angst über uns Rechenschaft ablegen zu müssen, da wir lieber des 'Geworfenseins in die Welt' (Heidegger) gedenken oder die 'Unvollkommenheit des Ichs in Anbetracht der göttlichen Vollkommenheit' (Jaspers) zitieren und als Ausweis unserer tiefen Ehrfurcht vor jener Aura des dunklen Ahnens Juliette Grecó ins Leben zurückrufen, galt sie doch als die Stilikone. Und darum ging's den meisten Zottelbärten auch nur: sich diffus zu erinnern, sich aber zugleich vom Kanon der Metaphysik nicht zu emanzipieren.

Das ist zuwenig, denn eine rationalisierte Existenzphilosophie rührte an den Grundfesten unseres Selbstverständnisses. Bezeichnend für die Geringschätzung ihrer Postulate, die ja nicht ins Dumpf-Metaphysische abgleiten, wie gerne weisgemacht wird, vielmehr tiefes, innerlich gewolltes Nachdenken über die eigene Existenz erreichen wollen, ist das schnelle Verebben der Inhalte. Heutzutage - was heißt heutzutage, es greift ja mehr als drei Jahrzehnte zurück - rezitiert kaum einer mehr in den Vorlesungen den Kernpunkt, den Angelpunkt des Verständnisses jener Philosophie, nämlich ob Instinkt oder Verstand die menschliche Existenz überlebensfähig halten. Wer wollte schon seinen Hegel-infizierten Professoren die Leviten lesen und ihnen endlich das Staatsvergötzende abtrainieren? Man traut sich nicht, ergo verhätschelt man das alte Credo. Und so bleibt die Gefahr zu erfahren, woher wir kommen und wohin wir gehen, allmächtig. Sie ist der wahre Gott der Neuzeit, sein Name ist Furcht vor Erkenntnis. Wer nun von Ihnen, geneigte Leser, eintauchen will in ein transzendentes Erlebnis der besonderen Art, dem sei empfohlen, sich Nicola Abbagnanos Einführung in den Exizenzialismus Philosophie des menschlichen Konflikts, erschienen bei Rowohlt, 1957 in München, antiquarisch zu besorgen. Eine fundamentale Reise ins fundamentale Geschehen rund ums Ich und seine Stellung in der Welt der Fünfziger Jahre, ist eine Reise zum Mittelpunkt der Seele. Antiquarisch deshalb, weil allein das Titelbild des schmalen TB-Bändchens von solch tradiertem Charme ist, das man, es verinnerlicht habend, die Augen schließt und als Zeitreisender aufwacht. Juvenil natürlich, jedoch mit der Lebenserfahrung eines selbst durchlebten Seins. Jedenfalls kommt es einem so vor. Irrtum vorbehalten.

 

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Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.

 

 

 
 
 

 

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J. Michael Baerwald ist Herausgeber der Buchmarkt-Portale

 

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