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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Schatztruhe

 

 

 

 

 

 

'Eduard Mörike: Brautbriefe'

 

Sein einziger Roman, das fulminante Epos Maler Nolten, ist für jene, die deutsche Dichter der Romantik uneingeschüchtert wertschätzen, das Identifikationsobjekt, wenn die Rede auf einen der vehementesten Emphatiker kommt, jenen lebenssinnsuchenden Eduard Mörike, der uns in unzähligen schönen, herzerwärmenden Versen die Innenwelt des 19. Jhts. nahebringt.

Seine dichterische Nähe zu Uhland birgt aber auch eine Ambivalenz der Gefühle, die sich jüngeren Lesern nicht ohne weiteres mitteilt. Für sie heißt es einzutauchen in eine Sinneswelt, die sich zuvörderst in Sprache mitteilt und nachgeordnet erst in der zeitgenössischen Genremalerei. Weshalb Sprache vor Bildmedium? Weil sie unmittelbar pulsiert, obgleich jambisch-trochäisch geordnet und - in ebenso syntaktisch gewölbter Empathie - dichterisch überhöht gegliedert wird. Das alles wohnt zwar auch dem Medium Genremalerei inne, doch der kompositorische Effekt teilt sich dem, der sowohl Pinselstrich und Sprache in sich nachhallen läßt, anders mit als die Unmittelbarkeit des assoziativen Wortes. Ähnlich, nämlich sinnlenkend und verinnerlichend, verhält es sich mit der Musik jener heutperspektivisch dornröschenhaft anmutenden Zeit. Komponiert wird allerdings auf allen drei erwähnten künstlerischen Ebenen, nur ist es eben das sinnstiftend- geronnene Wort, das gerade am Beispiel Mörike einen Sog entfaltet wie bei wenigen anderen Dichtern der Romantik.

Und hier, exakt hier, setzt der Sinn ein, zutreffender, die Sinnlichkeit des aneinandergereihten Wortgefüges: Nirgend anderswo als in seinen nachgelassenen Brautbriefen an Luise wirbt Mörike so unverfälscht für die Immanenz des Wortes als Immanenz des Sinnlichen. Aber, wie gesagt, der jüngere Leser muß in die Sinnlichkeit des 19. Jhts. einzutauchen willens sein, um beispielsweise solche Immanenz als Glückgefühl auch in sich auszumachen: ' Owen, den 20. Februar 1831: 'Hattest Du denn, teuerstes Kind! eine Ahnung von dem, was mich am Abende Deiner Heimfahrt nach Nürtingen im tiefsten bewegte? Siehe, mir war, als löste sich ein Teil meiner Seele ab, ich stand wie betäubt in meiner Einsamkeit und hörte nur immer, indes die Dämmerung traurig niedersank, das Rollen der Räder im Ohr, die Dich entführten; ich sah, wie mein liebliches Kind, den Kopf in die Ecke geschmiegt, das graue Schattenspiel der äußeren Welt an sich vorüberfliehn ließ, während in seinem Innern die Gedanken unschlüssig zwischen Lust und Wehmut wechselten.': (S. 117-118). Ist das nicht schön, nur einfach schön und obendrein noch klangmelodisch?

Sich vorzustellen, die Zeit wäre fiktiv und Element der reinen Anschauung, ergäbe der Sinn des Damaligen auch den Sinn des Heutigen - so aber liegen 180 Jahre zwischen dem Attribut liebliches Kind und der modernen Präsenz dessen, was lieblich als Eigenschaft dem Einzelnen heute bedeutet. Das ist dem Umstand geschuldet, daß Begriffsinhalte wechseln - vielleicht auch nur semantisch changieren -, und daß Empfindungen heute nicht mehr als Emphatie und Empathie in des Menschen Brust wohnen, sondern ihrem Wesen nach abgestorben und durch moderne Taktgeber ersetzt worden sind. Dies ist wohl so, es muß aber nicht zwingend so sein. Das Befassen mit Lyrik und Dichtung gerade des 19. Jhts. setzt auch in uns modernen Menschen Seelenkräfte frei, die uns eintauchen lassen in jene fragilen Gefühlswelten all der uns Vorausgegangenen, und sie vermögen die Gegenwart rundum erträglich gestalten. Das hat nichts mit Weltflucht zu tun im Wertherschen Sinne, die Empfindungen der Seele sind zeitlos. Es bedarf nur der Rekultivierung des Grundimpulses, um den Sinn für's Verborgene unter all dem sprachlich-gedanklichen und mental-spirituell vermüllten Innenleben herzuvorkramen. Die Seelenwelt ist nicht verschlossen, dein Herz ist zu, dein Sinn ist tot, möchte man in Anklang an ein großes Epos ausrufen. Deshalb: Angelegt ist die Säuberungsaktion vom Müll des Unreflektierten in jedem von uns, einzig der Wille hierzu ist vonnöten. Dann dürfte das lobenswerterweise vom Insel Verlag in Frankfurt am Main, 2004 wieder aufgelegte und lange Zeit verschollene Büchlein obigen Titels einer großen Schatzhebung gleichkommen. In unserer Schatztruhe darf es jedenfalls einen ehrenvollen Platz beanspruchen.

 

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Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.

 

 

 
 
 

 

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