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'Der Untergang des Abendlandes'
Oswald Spengler gilt manchem als
Apokalytiker, anderen als einer, der querzudenken vermochte. Nicht von ungefähr
erfuhr sein Werk in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen eine ungeheure
Aufmerksamkeit, die aus seiner geschichtszyklischen Auffassung alles
Weltgeschehens resultierte. Solche zyklische Geschichtstheorie (grch. kyklos
= Kreis) geht auf Aristoteles zurück, Nietzsche griff sie gerne auf und
formulierte sie um in 'die ewige Wiederkehr des Gleichen' - unzählige Adepten
rekurrierten willig darauf und gaben ihren Überlegungen zur Zeit breiten Raum.
Insofern ist Spengler der Adept Aristoteles' und Verknüpfer der
Schopenhauerschen Allgewalt (principiuum individuationis) mit C. G. Jungs
psychologischem Denkgebäude des Unbewußten als Ur-Natur des 'großen Ganzen'.
Was also bietet Spengler bei solcher
Verknüpfung Neues unter der Sonne? Nichts, was nicht schon irgendwann vor 1880,
seinem Geburtsjahr, und nach 1936, seinem Sterbejahr, irgendwo niedergeschrieben
und publiziert worden ist. Das ist mager, wiewohl die Geschichtsphilosophie von
dem lebt, besser: leben muß, was ihr die von Menschen installierte Geschichte
vor die Füße wirft. Das sind große und kleine Brocken, die verdaut werden
müssen, und es sind große und kleine Hindernisse, die überwunden werden wollen.
Wenn in der Würdigung des Spenglerschen
Geschichtszyklus' eines stets zu kurz gekommen sein mag, dann ist es die
Betrachtung der menschlichen Psyche im allgemeinen und die in Ausnahmefällen.
Sie zu begreifen bedarf es keiner Fachtermini aus Sozialpsychologie noch aus
ihrer Konkurrentin um Macht und Einfluß, der eitlen Soziologie. Begriffen werden
müssen lediglich zwei Dinge, die unter dem starken Einfluß zeitgeistiger
Moralität stehen: die Reaktions- und Verhaltensmuster des Menschen. Sie
determinieren sein Handeln, und zwar selten objektivierend, vielmehr die seine
Reaktion erst auslösende subjektivierende Grenzziehung um die eigene Person. Da
reagiert der modisch dem Prekariat zugerechnete 'bildungsferne und randständige
Unterschichtler' anders als einer aus der gebildeten Mittelschicht.
Oberschichten definieren sich wiederum anders als beide Gruppen, und hier gab
Spengler seinem Gaul die Sporen: 'Die Angst', so schreibt er, 'ist mit
der Vergänglichkeit alles Irdischen verbunden, so wie die Sehnsucht sich auf die
verheißene Zukunft richtet.' Und da begreifen wir fernab aller
wissenschaftlichen Exegese und Heuristik, das die menschliche Psyche tatsächlich
voraussehbar reagiert.
Wer die Zukunft fürchtet, weil er meint, von
ihr benachteiligt zu werden, wird alles Porzellan im feinen Laden zertöppern,
wer sie nicht fürchtet, weil er entweder lebensklug oder gebildet ist, der wird
sich ihrer aus eigenen Kräften bemächtigen, denn seine Zukunft gestaltet er nach
bestem Vermögen und Talent. Wer indes meint, er könne sie sich qua Geldes manipulativ
erkaufen, der wird scheitern. Geld sichert weder Zukunft noch Gegenwart - es
manifestiert sich dauerhaft nicht als Tranquillizer, höchstens als ein großen
Brechreiz verursachendes Saufgelage.
In diesem Sinne ist Spengler einer gewesen,
der die Dinge aus der Sicht eines belesenen und kognitiv arbeitenden Menschen
aus seiner Zeit heraus formulierte. Er hat recht in seiner Analyse, das ist
gewiß; der Rückgriff auf die Entwicklung antiker Reiche zur Fortschreibung des
Niederganges derer des 19. - 20 Jhts. ist völlig legitim. Er formulierte in
Prosa, nicht in lyrischer Schwärmerei und sagt dem Leser im Vorwort zur 47.
Auflage: 'Die Welt verstehen nenne ich der Welt gewachsen sein. Die Härte des
Lebens ist wesentlich, nicht der Begriff des Lebens, wie es die
Vogel-Strauß-Philosophie des Idealismus lehrt.' Und verhält es sich nicht so
in 'unserer Zeit' - einer Zeit, die auch gestern war, nur eben anders, könnte
man witzeln -, in der es ausschließlich um monetäre Verwerfungen geht, nicht um
die vielen bedeutsameren psychischen?
Und so darf man in Spenglerscher Manier
antizipieren: Sofern dem Prekariat nicht gegeben wird, wonach es schreit, droht
ein Land in Gewalt und Haß unterzugehen; sofern man der irritierten Mittelschicht die
Legitimität ihres Verlangens nach Würdigung von Fleiß und Leistung und Loyalität
verweigert und sie dem Prekariat opportunistisch zum Fraß hinwirft, droht ein Land
in Depressionen zu versinken; sofern man der Oberschicht freie Hand läßt,
Zukunft rein monetär zu gestalten, werden die Wogen der Verachtung beider
Gruppen über ihnen zusammenschlagen und sie ersäufen. Wo also hat Spengler da
nicht recht?
Reaktions - und Verhaltensmuster - sie sind
die Konstanten, die uns Menschen zusammenhalten wie Haut, Muskeln und Knochen.
Ihre Unterschiedlichkeit ist berechenbar, das wurde erwähnt, die Ignoranz
solcher fundamentalen Konstanten allerdings gebiert erst jenen Geschichtszyklus,
den Spengler tiefsinnig untertitelte mit 'Umrisse einer Morphologie der
Weltgeschichte.' Von Hegel, dem Staatsvergötzer und Weltgeistspezialisten,
schrieb er jedenfalls nicht ab, dazu gab er sich nicht her. Nein, Oswald
Spenglers Verdienst beruht gerade auf der Anregung zum Nachdenken über Gewesenes
und Zukünftiges. Wer sich umsieht, entdeckt das Italien und das Griechenland der
Neuzeit. Mehr benötigt man nicht als Glaubwürdigkeitssiegel des mentalen und
wirtschaftlichen Niedergangs von Nationen, das
uns Spengler so uneitel vor Augen führt. Deshalb darf der Denkanstoß des bei Beck
in München 1959 edierten Buches Der Untergang des Abendlandes gar nicht minder gewichtet werden. Denkanstöße haben es nun einmal an sich, daß sie
etwas anstoßen. Und damit ist die Bequemlichkeit gemeint, die das Denken über
sich und die Zeitläufte so arg einschränkt. Der Gewinn also ist mannigfach, denn er
erzeugt die mahnende Erinnerung an die Möglichkeit, die Kräfte zur
Gestaltung der Zukunft vorrangig der eigenen Psyche zu widmen!
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Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J.
Michael Baerwald, Berlin.
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