|
|
'Individuum und Gemeinschaft'
Dem Grundsatz treu bleibend, daß in unserem
Buchmarkt Werksinhalte Vorrang vor Namen und Verlagen haben, unterliegt also
auch der vorliegende Band von Manès Sperber einer objektiven Würdigung. Gerade
bei diesem Autor, der sich wissenschaftlich sowie menschlich als wenig
charakterfest zeigte, läge eine Philippika näher als die sachliche textuelle
Auseinandersetzung. Das Hinterfragen seiner Gesinnung unterliegt selbstredend
auch den Zeitströmungen, der heutigen jedenfalls wäre sie inadäquat. So widmen
wir uns, dies alles außer acht lassend und nach wie vor in tradierter, von der
Hybris kultusministerieller Syntayx-Verstümmelung unberührten Schreibweise,
seinen Ausführungen.
Der vorliegende Band umfaßt rund 320
engbeschriftete Textseiten, zusammengetragen aus 28 Vorlesungen, beginnend mit
dem Jahre 1934. Das Datum verrät bereits die Kontamination mit dem virulenten
kommunistischen Gedankengut des Autors (vgl. seine Vita), weist jedoch längst
nicht die grelle Rotfärbung späterer, nicht von ihm zu verantwortender Exzesse
auf. Und das soziologisch Pikante an seinen Darlegungen ist die knapp 80 Jahre
später erneut grassierende Wohlstandsvernichtung durch eine nicht demokratisch
legitimierte europäische Machtkonzentration im Gestalt des Brüsseler
Rätesystems, vulgo Kommissionstribunal. Es richtet sich nicht
freiheitlich-demokratisch nach vernunftgebietenden Parametern aus, sondern
bemißt mit eigener Elle vor einem mundtot gemachten, sogenannten Parlament.
Das sah Sperber voraus, denn er abstrahierte
den kommunistischen Machtanspruch - und siehe da, er war so homogen manifest,
daß er sich in jede beliebige Erde einwurzeln konnte. Wir lesen auf S. 164 (13.
Vorlesung) in diesem Sinne Allgemeingültiges über das Wesen der Massensuggestion
nach; auf S. 285 (25. Vorlesung) über 'Die Erziehung als wichtigster Faktor
der Charakterbildung' sowie über 'Die Auffassung von der Intelligenz'.
Das sind exakt die Öffnungsmechnismen zur Evaluierung subtiler
Manipulationstechniken. Und haben diese auch heute Erfolg? Selbstredend, denn
gesellschaftlicher Wandel ist Wandlung des Tradierten in Zeitgeistiges. Wenn
Machthaber es wollen und nicht nur daran gehen, Glühbirnen qua Order
auszutauschen und dafür billigend die Verelendung chinesischer Arbeiter in den
eigens produktionsbedingt wieder eröffneten Quecksilberminen inkauf zu
nehmen, sondern ihre Ideologien experimentell Kindergartenzöglingen
aufzuzwingen, dann ist Sperber so aktuell wie seinerzeit.
Daß er psychologisch auf Alfred Adlers
Individualpsychologie rekurriert ist kein Versehen, vielmehr Objekt
wissenschaftlichen Forschens. Widerspruch hiergegen verkennt die
Ordnungsprinzipien - d.h. die hierarchische Wirkung - einer auf das Individuum
abgestimmten Psychologie. Sie setzt Determinanten voraus, die sich aus den
ererbten Anlagen ergeben, deren Resultate wiederum Voraussagen ermöglichen,
Lebensläufe betreffend. Machthaber versuchen hier anzusetzen, indem sie - heute
- Genmanipulatoren zu kreieren versuchen, die vererbbare Verhaltensweisen
generieren. So einfach stellt sich die Mißbrauchsmöglichkeiten des Menschen
durch den Menschen dar, denn Faktum ist, daß nicht nur physische, sondern
auch psychische Charaktereigenschaften vererbt werden. Das Denken in Jahrzehnten
ist hierbei Planung ohne Ergebnisoffenheit
Achtzig Jahre zuvor war die heutige
Erkenntnis der Hirnforschung noch ein Stochern im Nebel, im 21. Jht. erwacht der
Dämon Menschenzeugung nach Gusto zur vollen Blüte. Sehen wir also dem Autor auf
die Finger, mit denen er seine Manuskripte tippte: Sie gehörten einem Menschen,
der irrte, familiär wenig integer war und seine wissenschaftliche Reputation dem
Umstand des Nichtwissens vom Besseren verdankte. Recht indes hat er dennoch
weitgehend behalten, denn seine Argumentationsbreite auf sozialpsychologischem
Gebiet ist noch heute weitgehend aktuell. Denn: Der Mensch ist planbar, weil
unfähig zur psychologisch akzentuierten Gegenwehr, sobald er strafbewehrt daran
gehindert wird. Illegitime Systeme brechen daher nicht von obenher psychisch
zusammen, sondern von unter her durch die physische Gewalt der Massen. Die
psychologische Feinjustierung ist nicht deren Sache.
Darüber zu lesen ist in dem bei
Klett-Cotta, Stuttgart, 1978 herausgegebenen Band Konzepte der
Humanwissenschaften: 'Individuum und Gemeinschaft. Versuch einer sozialen
Charakterologie' nicht nur anzuraten, sondern geradezu eine Aufforderung an
jeden klugen Leser: Gebildet ist, wer dort Parallelen erkennt, wo andere etwas
Neues entdecken. Und man möchte hinzufügen: Parallelwelten entdecken bewahrt vor
Fehlurteilen und dem Nachlaufen von neuzeitlichen Rattenfängern.
Schatztruhe
2011: >Juni
I
Mai
I April
I
März
I
Februar
I
Januar
Schatztruhe
2010:
Dezember I
November I
Oktober I
September
August I
Juli I
Juni I I
Mai I
April I
März I
Februar I
Januar
Schatztruhe
2009:
Dezember I
November I
Oktober I
September
August I
Juli I Juni I
Mai I
April I
März I
Januar I
Februar
Titel-Übersicht
aufrufen
Schatztruhe 2008:
Dezember I
November I
Oktober I
September
August I
Juli I
Juni I
Mai
I
April I
März I
Februar I
Januar
Titel-Übersicht
aufrufen
Sonderausgabe 2011
Sonderausgabe
2010
Sonderausgabe 2009
Sonderausgabe 2008
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J.
Michael Baerwald, Berlin.
|
|