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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Schatztruhe

 

 

 

 

 

'Hier kehrt man ein'

Ein den Leser verzauberndes kleines Büchlein, schön bebildert und klug betextet und mit dem Untertitel versehen Wirtshausschilder aus drei Jahhrunderten. Die Autorin widmet sich hingebungsvoll und kenntnisreich der famosen Geschichte einer Eß- und Gastkultur, die sich, vormals Ausweis von Gediegenheit des Auftritts und begründeten Ansprüchen an Speis' und Trank, seit langem in einer eigentümlichen Form der Verflachung befindet.

Der Gast als Störfaktor und als 'Fremder' charakterisiert, das Mahl als Muß und nicht als Dienst offeriert - so manifestiert sich der Niedergang nicht nur innerhalb der meisten der heutigen Gasthäuser, er drückt sich auch vor der vornehmsten Pflicht des Gastgebers, mit einem schönen handgeschmiedeten, die Persönlichkeit des Ortes widerspielnden Wirtshausschild auf sich aufmerksam zu machen. Sollte der Genius loci nur noch zu einer Frage des Geldes verschrumpft sein?

Sicherlich, doch primär wohl eher eine Frage des Nutzendenkens. Wo Gäste nicht mehr geschätzt werden, reduziert sich das Äußere aufs Notwendigste. Speisentafeln von hinkritzelnder Hand auf billigen Schhiefertafeln vorm Eingang - das schreit nach Erbarmen, soll aber offenkundig genügen. Nein, es genügt nicht! Die Einladung fehlt, hoch über dem Haupt in kunstvoller Verzierung als Ehrenkodex einer Zunft, die sich heuer nicht mehr als Gastgeber begreift, vielmehr als 'Dienstleister am Verbraucher'. Da muß sie sich nicht wundern, wenn die Gäste flüchten und zu Fastfoodfressern werden.

Das alles konstatiert man, wenn man über die Dörfer fährt, wo Pizzerien und Döner-Buden überhand genommen haben. Wen wundert's? Offenbar niemanden mehr, auch den Verlag nicht, wie er auf Nachfrage zugeben mußte. Also keine Auflage mehr, nichts mehr in petto in Sachen Eßkultur. Wer, wenn nicht verlegerische Arbeit, könnte hier etwas Respektables leisten, nämlich einer solch brillianten Autorin wie Ursula Pfistermeister ein wiederholtes Podium zu bieten, um das 1998 im Hans-Carl-Verlag, Nürnberg, herausgegebene Buch mit einem doch überhaupt nicht ausgestorbenen, (eß-) kulturinteressierten Publikum erneut bekanntzumachen? Wer hat denn da die Nebenrechtsverwertung still und heimlich vergraben? Wohl ein banausischer Mitarbeiter? Und so greift eines ins andere: die Abstinenz derer, die als Gastwirte ihre ureigensten Kulturgüter aufgeben und das Achselzucken jener, die ihnen assistieren, weil ihnen das Verlagsethos kein Engagement mehr bedeutet.

Bedauerlich, deshalb, lieber Leser: Sofort im antiqarischen Sortiment zugreifen und nicht  zögern, um sich selbst die allergrößte Freude zu bereiten, nämlich bibliophiler Bewahrer der im Niedergang begriffenen Schönheit und Würde herrlicher Wirtshausschilder von Bayern über Baden-Württemberg bis ins Elsaß - und somit hochmögenden, oftmals leider schon verblichenen Visitenkarten - zu sein.

Die nächste Generation dürfte solche Ausdrucksform von Gastkultur nicht mehr kennen. Es mangelt ihnen an Vergleichen zwischen Ästhetik und Schund. Die wenigen handgeschmiedeten und mit Goldapplikationen versehenen Einladungen, die es, etwa in Rothenburg ob der Tauber, noch gibt, sollten denkmalschützerisches Anliegen sein.

 

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Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.

 

 

 
 
 

 

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J. Michael Baerwald ist Herausgeber der Buchmarkt-Portale Deutscher-Buchmarkt.de I Buchmarkt-online.net I Buchbesprechungen.net.