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Briefe der Weltliteratur in
Künstlerbriefen
des 19. Jahrhunderts
Daß
Künstler, gleich welcher Disziplin, stets um Anerkennung ringen müssen, ist
hinlänglich bekannt und literarisch vielfältig dargestellt worden.
Künstlerromane und Novellen, deren Blütezeit im 18. Jht. mit Heinses
Ardinghello begann, sich über Mörikes Maler Nolten und Hebbels Der
Maler fortsetzte, ranken sich um die Legitimation eines außerbürgerlichen,
poetisierten Lebens und manifestieren sich vorrangig in der Malerei als das
genuine Mittel innerseelischer Ausdrucksverleihung. Was heute kapriziös
erscheinen mag, ja nachgerade merkwürdig in seiner Weltflüchtigkeit, stellt sich
indes als hartes, sehr hartes Brotverdienen dar. Und was literarisch überhöht
dem Lesepublikum als romantisierende, sich dann stets doch irgendwie
einregulierende Erträglichkeit des profanen Alltags nähergebracht wurde, ist,
das darf man nicht vergessen, Dramaturgie eines Stoffes, nichts anderes. Auch
Mozart auf der Reise nach Prag unterlag diesen Prinzipien der
Spannungserzeugung und erst recht das Fräulein von Scuderi. E.T.A.
Hoffmann verstand schließlich zu erzählen, und es waren seine begierigen Leser,
die ihn zu Höchstleistungen antrieben. Wie aber empfanden Künstler ihr
Seelenleben in aller Authentizität? Wie drückte es sich qua Handlungen in der
und an der Außenwelt aus? Kompensierten sie Verzweiflung und Ringen nach
Anerkennung oder verdrängten sie deren heftige Impulse? Darüber muß sich der
Leser im klaren sein, daß das Leben eines Künstlers in anderen Bahnen verläuft,
auf anderen Ebenen schwingt und anderen Koordinaten unterliegt, als das
'gewöhnlicher' Bürger. So war es seinerzeit, so ist es heute. Die
überlebensbedingenden Umstände sind nur gradueller Natur. Dessen eingedenk
sollte man sich den Briefen der Künstler des 19. Jhts. nähern: Menzel, Manet,
Cézanne, Van Gogh, Delacroix, Runge und andere rebellierten jeder auf ihre Art
gegen Konventionen und Mißachtung sowie die (absichtsvolle) Fehldeutung ihrer
Werke. In diesem Sinne bleibt also Authentizität das Mittel schlechthin, um
recht zu begreifen, was Böcklin in seinem Brief an den Direktor der Berliner
Nationalgalerie am 18. August 1877 in Hinblick auf seine Qual der Umsetzung des
geistigen Konzeptes zu einem Bild schreibt: 'Was kann trösten oder wenigstens
den Schmerz erträglicher machen? Das einzige bildlich Darstellbare ist innige
Teilnahme. So hatte ich, wie Sie gesehen, die Aufgabe zu lösen versucht. Die
Wirkung ist aber nicht befriedigend (...).' Hier dringt aus ihm heraus die
für alle Künstler stellvertretende Aussage vom erbarmungslosen Ringen im
Inneren, um dem Äußeren dem ihm gemäßen Ausdruck zu verleihen. Stellvertretend?
Ja, denn die Künstlerseele ringt um Wahrheit dort, wo andere leichthin über sie
hinwegsehen. Das allein macht ein tiefes Verständnis für die Wesensart des
Künstlers aus. Nichts anderes, nichts Hochgestochenes, nichts publikumswirksam
Aufgezäumtes. Nur das. Nur dann vermag eine geistig-seelische Befruchtung
gegenseitig zu erfolgen. Um welches umrungene Bild es sich hierbei handelt? Der
Leser erfährt es, wenn er S. 133 des im Kindler-Verlages, München, 1964
verlegten Buches aufschlägt. Bis dahin sollte er wissensbegierig bleiben, denn
dies ist die Quelle aller Selbsterkenntnis. Nicht die heute unüberlegt
postulierte Bewahrung der 'Neugierde' trifft den (semantischen) Kern, sondern
das Bewahren jener sprudelnden Quelle in uns, die uns nährt und zu neuen Ufern
der Erkenntnis trägt. Dem, der dies möchte, ist sie ein Vademecum, nicht jedoch
den unendlich vielen, die in ihr nur etwas erblicken, was der körperlichen
Versorgung mit Mineralien dient. Einem Künstler wurde solche Profanität noch nie
gerecht.
Schatztruhe
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Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J.
Michael Baerwald, Berlin.
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