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ANTIQUARIATE

 

 

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Schatztruhe

 

 

 

 

 

'Gott  Mensch  Universum'

Der Untertitel dieses aus dem Französischen übersetzten Werkes lautet - man bemerke das Erscheinungsjahr 1956 - Die Antwort des Christen auf den Materialismus unserer Zeit. Wir könnten jedoch noch weiter zurückgreifen, beispielsweise bis zum populären Seneca, der in brevitate vitae resümmierte, wie sehr doch die Menschen in der Kürze des Lebens nach materiellen Gütern jagen und wie wenig sie sich den geistigen Genüssen zuwandten...

Was sagt uns das? Das gestern und vorgestern, heute und morgen der Mensch bestenfalls ein Homo faber ist und schlimmstenfalls ein pervertierter Homo oeconomicus. Fehlt also den Autoren, die solche Feststellungen treffen - Christen allemal - der Überblick übers Weltgeschehen? Mangelt es ihnen an Geschichtskenntnissen? Appellieren sie an eine Seele, die es in ihrem extensiven Streben nach Besitz gar nicht gibt? Meinen sie, daß Spiritualität etwas sei, was Materialismus nicht befördere? Dann müßten sie Prunk und Darstellungssucht ihrer Oberen verdammen, wenn sie ehrlich wären mit sich und allen, die an anderes als sie glauben. Ist das der Fall? Nein, denn abgesehen vom famosen kunsthandwerklichen Geschick der bildenden Künstler aller Zeiten beweist die Ehrerweisung Gott gegenüber höchstens einen infantilen Glauben an den grandiosen Eindruck, den menschliche Meisterwerke auf ihn machen müßten. Schlimmstenfalls beweisen sie rein gar nichts, es sei denn, man nähme Prunk und Geltungsdrang von Bischöfen, Kardinälen und Päpsten als gottgefällig.

Soweit der Prolog zu diesem 650seitigen Werk, welches  ein schier erdrückendes professorales Wissen offenbart. Es deutet zwar nichts neu, es gab schon alles in anderer Darstellung, aber es transportiert diese Wissensfülle in schöner Kompression, wie sie als Parforceritt durch die Geistesgeschichte Egon Friedell in den Dreißigern vorlegte. Nähern wir uns aber dem vorliegenden Buch: Das erste Kapitel befaßt sich mit der Existenz Gottes und dem zeitgenössischen Materialismus; das zweite behandelt den Ursprung der Welt und deren Struktur im Blick von Wissenschaft und Glauben; das dritte fragt, woher das Leben sei?; das vierte und fünfte beschäftigt sich mit dem Buche  Genesis; das sechste mit der Seele und den Antworten der Psychologie darauf; das vierzehnte mit der Religion und der Krise des Kapitalismus wiewohl die dazwischenliegenden religionsphilosphischer Natur sind und nur daran interessierten Lesern hilfreich zur Verfügung stehen; das fünfzehnte Kapitel ist von besonderer Güte und aspektiert den dialektischen Materialismus in Hinblick auf die Philosophie des Proletariats; das Schlußkapitel schließlich beleuchtet das Problem des Übels in der Welt und u.a. auch das Postulat der Gerechtigkeit. Was immer der Einzelne darunter versteht, die Ausführungen erinnern an Leibniz und 'Die beste aller Welten'. Das wirkt phänomenologisch sehr diffus.

Aber sei's drum: Ein rundum spannendes Buch, welches seine Spannung aus dem christlichen Argumenationsarchiv ableitet und in die elende Debatte darum, ob der Gerechte unter der Sonne ums Goldene Kalb tanzen darf, wenn er nur das Gemeinwohl nährt, oder ob in unserem Lande die Ansprüche des Prekariats Maßstäbe für die sozialen Parameter einer jedermann zuträglichen Gerechtigkeit  setzen. Solche Fragen, über fünfzig Jahre zurückliegend behandelt, traten eben auch unter dem Rubrum panem et circensis vor zweieinhalbtausend Jahren auf und werden wohl nie aus der Diskussion entlassen sein. Solange Gerechtigkeit die Schwester des relativistischen Neupositivismus bleibt, solange werden solche Bücher, deren Lektüre sie allemal wert sind, wie das im Verlag Styria in Graz 1956 herausgegebene und von Johannes Hüttenbügel übersetzte und mit einem Vorwort von Kardinal Frings versehene Werk, rechtfertigen. Es als Pflichtprogramm für jeden intellektuell wie spirituell unverformten Leser zu empfehlen, erscheint nachgerade als ein Muß. Man darf getrost die Amtskirche kritisieren und deren Apologeten mißtrauisch beäugen, dazu benötigt es keinen Küng oder Deschner, doch sollte es fair zugehen: audiatur et altera pars! So heißt die Devise, und sie prägt diese Rezension des in gut sortierten Antiquariaten erhältlichen Buches. Für Liebhaber französischer Originalausgaben lautet der Titel 'Essai sur Dieu, l'Homme et l'Univers', erschienen bei Castermann in Tournai, Paris 1956.

 

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Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.

 

 

 
 
 

 

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J. Michael Baerwald ist Herausgeber der Buchmarkt-Portale Deutscher-Buchmarkt.de I Buchmarkt-online.net I Buchbesprechungen.net.