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'Nimm dich, wie du bist.'
Ein beachtenswertes kleines Büchlein, verfaßt
von einem praktisch tätigen Psychotherapeuten, der auf knapp 140 Seiten -
wengleich oftmals etwas umständlich formuliert - dem Leser dennoch eine
Hilfestellung zur Selbsterkenntnis bietet, wie es andere (vornehmlich dem
Calvinismus verpflichteten amerikanischen Psychotherapeuten und -analytikern )
nicht einmal auf 500 Seiten Hochformat fertigbringen. Unter diesem Aspekt darf
man den deutschen Autor als Glücksfall einstufen.
Er argumentiert auf der Basis der
Transaktionsanalyse, was richtig ist, denn die Psychologie der Typenanalytik
schöpft immer noch aus Freudschen Arsenalen. Hier indes wird die
Individualpsychologie Alfred Adlers an der praktischen Erlebbarkeit des Ichs in
der Welt, deren Anforderungen und Willkür, gemessen - und sie reüssiert in
weitem Abstand vor den Mitbewerbern und deren Deutungshoheiten.
Was erwartet den Leser, der sich vielleicht
von nicht von ihm zu verantwortenden Umständen wie beispielsweise einem wenig
geneigt machenden Aussehen, mageren Talenten und Fähigkeiten sowie durch
elterliches Verschulden mangelnder
Berufs- oder Schulbildung in eine falsche Richtung geschoben fühlt? Er hat
Aussicht auf Revision eingefahrener Denkmuster und Verhaltenstexturen.
Weshalb? Weil der Titel des Buches Programm
ist und das Hadern mit (wie gesagt nicht selbst verantworteten Umständen) zu
nichts als depressiven Verstimmungen mit anschließenden tiefen, lebensmüde
machenden Depressionen mündet. Solche Richtung ist zwangsläufig vorgegeben, was
zumeist geleugnet und eine mühsame Aufarbeitung frühkindlicher
Konditionierung empfohlen wird. Anders der Autor: Er dokumentiert in eigener
Regie mittels psychologischer Parameter, die er anschaulich in Formeln darstellt, weshalb etwas
ist, und weshalb das nicht sein müßte wie es ist.
Das trägt Züge von Eigenverantwortung, die
sich seit gut drei Jahrzehnten mehr und mehr unter sozialromantisierender Ägide
hinsichtlich des Selbstbestimmungsrechtes des Individuums verfüchtigt hat.
Lebensuntüchtigkeit ist die Folge, deren schlimme Erosionen wir allgegenwärtig,
sozialpolitischerseits gerechtfertigt,
erblicken. Der Autor reflektiert deshalb die Rolle des Elternhauses und dessen
Verantwortung für das in ihm aufwachsende Kind, filtert hieraus die Risiken
falscher Weichenstellungen - und schließt den Zirkel, indem er argumentiert, daß
Prägung ausschließlich bei Tieren stattfindet, bei Menschen hingegen
Konditionierung. Erstere ist unaufhebbar, letztere re-konditionierbar. Und er
führt ebenfalls die sozialpolitisch nach wie vor favorisierte 'intrinsische
Bedingtheit des Menschen zur Schwäche' fallbeispielhaft ad absurdum.
Solches Elementarwissen schon vor fast
dreieinhalb Jahrzehnten in Erinnerung gerufen zu haben bedeutet für den Leser
keine psychologischen Exerzitien vorzunehmen, sondern lediglich seine
Eigenverantwortlichkeit zu reflektieren, um tradierte Verhaltensmuster
abzulegen und sich damit in Folge von deren Ballast zu befreien. Das entlastet punktgenau und
gebiert eine neue Sichtweise, die man in der Verhaltenspsychologie gemeinhin als
Einstellungsänderung bezeichnet. Wie diese individualpsychologisch vonstattengeht und welche
Grundprinzipien hierbei beachtet werden müssen wird umfassend dargelegt und
erspart nicht nur 100 teure Sitzungen bei einem aller Voraussicht nach einseitig
argumentierenden Therapeuten, vielmehr wird der Proband angeleitet, zu sich selbst als
Therapeut in eigener Sache zu sprechen - und wird fähig, seine alten, ihn
verhaltensmäßig determinierenden Seelenwunden zu heilen. Das ist also wirklich möglich? Ja, und zwar
ohne ratlos machende Fachtermini, ohne pseudowissenschaftlichen Schnickschnack,
ohne restriktive Schuldzuweisungen.
Dr. med. Rüdiger Rogoll zeigt solche
Vorgehensweise auf in seinem bei Herder, Freiburg, 1976 Buch
erschienenen Buch Nimm dich wie du bist und vollbringt mit ihm eine
beachtenswerte Leistung: Er nimmt sich nämlich des Menschen so unprätentiös an,
wie man es sich wünscht und wie es leider, leider so rar geworden ist. Der
Zeitgeist ist auch hier darüber hinweggaloppiert. In diesem Buch greifen Sie ihm
behende in die
Zügel und weisen ihn, es nun besser wissend, in die Schranken.
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Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J.
Michael Baerwald, Berlin.
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