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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Schatztruhe

 

 

 

 

 

Psychologie der Massen

Gustave Le Bon verfaßte sein Grundlagenwerk über das Phänomen des Massenmenschen in einer Massengesellschaft im Jahre des Herrn  1895, gerade 54 Jahre alt und lebenserfahren genug geworden, um denen, die sehen wollen, die Augen zu öffnen. Worauf wollte er den Blick lenken? Auf die Massenseele und wie sie funktioniert, welchen Reaktionsmustern sie unterliegt und was sie im eigentlichen Sinne affiziert. Das schmale, 150seitige Büchlein könnte vielleicht von einem geneigten A. Glucksmann verfaßt, vorgestern, gestern, heute oder übermorgen geschrieben worden sein - dem Typus Massenseele käme gewissermaßen als perpetuum mobile damit eine noch windigere Statur zu, der ein Philosoph auch die bizarre Seite würde abgewinnen können. Glucksmann wäre der geeignete Bewerber für solches Amt des Sehendmachens gewesen. Le Bon indes, das mag an ihm jenes Glanzlicht hervorrufen, war weder Philosoph noch sonst visionsschwanger, er gehört der Spezies der Mediziner an, also einer Form der Argusaugenbewehrten, die sowohl argwöhnen als auch selektieren, nämlich tradiertes und konditioniertes Verhalten. Hierüber zu referieren käme allerdings jenem Spektakel gleich, das wir als das 'Eulen-nach-Athen-Tragen' kennen, also unterlassen wir es. Mediziner sein und sich mit Massenseelen auskennen, Le Bon vereinbarte dies in seinem perspektivischen Blick auf das Kreatürliche im Menschen aufs Allerbeste. Wenn er nun schreibt: 'Die unmittelbaren Triebkräfte befähigen die Massen zur Annahme gewisser Überzeugungen und verhindern das Eindringen anderer. Sie bereiten den Boden, auf dem man plötzlich neue Ideen hervorsprießen sieht, deren Kraft und Wirkung Staunen erregen, die aber nur scheinbar plötzlich sind', so fährt er zur Begründung und Vertiefung des Verständnisses fort: 'Der Ausbruch und die Verwirklichung gewisser Ideen bei den Massen zeigen oft eine blitzartige Plötzlichkeit. Doch das ist nur die oberflächliche Wirkung, hinter der man meistens eine lange Vorarbeit suchen muß.' Schauen wir als Heutige zurück auf die zahlreichen erruptiven Massenphänome, schaudert es uns. Wie aber kann es sein, fragen wir verwirrt, daß der Mensch nichts aus den Verirrungen der Vorväter lernt? Weshalb leitet er nicht a priori ab, sondern stets a posteriori? Weil er, Le Bon begründet dies, ein auf Erfahrungen angewiesenes Wesen ist, dem Abstraktion als Abwehrmechanismus fremd bleibt. Jede Generation macht somit ihre eigenen Erfahrungen wie es ist, die ungeschützte Hand ins Feuer zu halten. Die Erfahrung von Schmerz läßt sich nicht vererben - jedes Kind wird sie als eigene Erfahrung spüren müssen, um sich zeitlebens daran zu erinnern. Nur: Ideen sind kompatibel, sie lassen sich auf neue Ideen applizieren. Schmerz als nicht unmittelbaren Zustand meinen ertragen zu können - nun ja, der Proles macht ihn aufgrund seiner mangelnden Intelligenz unentwegt. Und so wuchern Ideen und wuchern und wuchern. Sie überwuchern das Gesunde und schinden es zugrunde. Deshalb ist Le Bon so wichtig als Gradmesser der eigenen Befindlichkeit und der Abwehr gegen Abstumpfung durch massenkultivierte Ideen. Etwa die, daß Alimentierung der Faulen Pflicht der Fleißigen sei und der Fleißige den Faulen durch seinen Fleiß desavouiere... Ja, solche abstrusen, gerechtigkeitsbegründeten  Ideen wuchern und wuchern und wuchern auch noch reichliche hundert Jahre nach Erscheinen dieses erstmals 1911 bei Kröner, Stuttgart, herausgebrachten Werkes. Es auch heute zu empfehlen reicht nachgerade zur Pflicht. An den Dummköpfen geht sie allerdings fruchtlos vorbei, und jene, die sie absichtsvoll dummhalten, lachen sich eines.

Schatztruhe >Juli 2008 I Juni I Mai I April I März I Februar I Januar

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.

 

 

 
 
 

 

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J. Michael Baerwald ist Herausgeber der Buchmarkt-Portale

 

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