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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Schatztruhe

 

 

 

 

 

'Gut und Böse'

Dämonen der Beängstigung werden übers Land gehetzt, um auch ja den letzten Winkel von Zuversicht in die eigenen Kräfte aufzustöbern und ihnen den Garaus zu machen. Weshalb diese Jagd auf die Zuversichtigen? Weshalb das elende Spiel mit den Ängsten der Menschen, die ihre Zukunft in die Hände derer zu legen glauben müssen, die selbst vor Angst vergehen? Aus Angst vor den Geistern, die sie riefen und nicht loswerden! Genau, denn sie kumpanieren mit Schreckgespenstern von Rezession und Armut und der Verelendung breiter Bevölkerungsschichten.

Weshalb entfalten ihre Drohgebärden solche Suggestivkraft? Weil der an Almosen und Bevormundung gewöhnte Mensch eines fürchtet, nämlich daß man ihn fallen läßt, ganz tief und radikal - sofern er denen das Mandat entzieht, die ihn mit geldwerten Wohltaten einlullen, um ihn, fest schlafend, gänzlich zu vergewaltigen. Per Akklamation funktioniert dies bereits ganz gut, wie Bürgerentscheide beweisen, per Dekret späterhin vollumfänglich.

Wo soll das hinführen? In die fundamentale Abhängigkeit von Segensgaben, deren Fluch gar nicht mehr erkannt wird. Aber, so der Einwand, das besagt doch nur, daß der Ruf nach Alimentation - dem säkularisierten Ablaßhandel - vernommen wird! Natürlich, der Fluch entfaltet seine Wirkung seit langen Jahren, jetzt kumuliert er und wirkt existentiell bedrängend. War das nicht vorauszusehen? Gewiß, doch wer hört den Rufer in der Wüste?

Hans Peter Richter (1926 - 1993) gehörte zu den profilierten Autoren unseres Landes. Seine Jugendromane hoben ihn aufgrund ihrer hohen Einfühlsamkeit in die Psyche junger Menschen auf ein Postament und huldigten ihm verdientermaßen. Aber Richter war mehr: Als studierter Psychologe und Soziologe war es ihm ernst mit der Gefahrenabwehr, die aus Abhängigkeiten kreiert wird - und aus diesem Blickwinkel heraus konzipierte er sein Buch Gut und Böse. Er verzichtet hier auf ein Vorwort (aber nicht auf das Nachwort) und geht sofort in medias res: 'Handeln ist jedes Verhalten, mit dem ich etwas beabsichtige.' Und er resümmiert 21 Zeilen später: 'Auch Verzicht auf Handeln ist Handeln.' Das leitet sogleich über zum Kapitel über den Menschheitstraum vom Perpetuum mobile und viele Seiten weiter über die Reflektion dessen, was eigentlich böse sei. Gibt es das Böse sui generis?

Die Antwort erfolgt nicht ex cathedra, vielmehr im Rückgriff aufs Idealtypische: 'Wer nur aus sich und für sich und ohne Einfluß auf die Welt handelt, der kann nicht böse handeln (...) Der so handeln kann, den gibt es nur in unserer Vorstellung.' Und so wendet sich der Leser erstaunt dem Rezensenten zu, Aufklärung darüber erwartend, weshalb derlei Indifferenz in der 'Schatztruhe' Raum greifen darf. Die Antwort ist nicht so sybillinisch wie sie anmutet: Weil, um das Wesen von Gut und Böse zu begreifen und in eine (befreiende) Analogie zur jetzigen Treibjagd auf die Zuversicht in das eigene gute Handeln umzuleiten, zuerst einmal begriffen werden muß, daß es ebenso wenig das definitiv Böse wie das definitiv Gute geben kann! Es ist in uns relativistisch selbst angelegt und kann weder durch Worthülsen wie Gerechtigkeit, Solidarität und gesellschaftliche Mitte begradigt werden, was bewußt krumm gebogen wurde. Richter, dessen eingedenk, verweist darauf in seinen Schlußseiten im Kapitel 'Persönlichkeit': Aus dem Blickwinkel der Massengesellschaft gilt der Wert 'Persönlichkeit' allerdings wenig. Persönlichkeiten stören, deshalb ist die Masse bemüht, zu verhindern, daß es zur Ausbildung eigenständiger Persönlichkeiten kommt. Um das Besondere - oder mit den Worten der Masse: das Absonderliche - der Persönlichkeit zu unterdrücken, setzt sie schon früh mit Maßnahmen ein, die Einheitlichkeit gewährleisten.' Und so erfährt seine Definition von Gut und Böse lediglich einen graduellen Unterschied zum grundsätzlichen Dilemma, dem der Interpretation des Interpretierten. Nun sollten Sie, lieber Leser, sich selbst die Antwort nicht schuldig bleiben, wer denn coram publico Rufe nach Gerechtigkeit und Solidarität munter interpretiert. Richtig, sie gehören zur Zunft der Massenmenschenaufseher und Berufsinterpretierten für all die, die sich selbst zu artikulieren anerzogenerweise oder aus Bequemlichkeit verlernt haben. Und auf diese zeitlos gültigen, mal weniger, mal mehr über die Deiche schwappenden Wogen der Begierdenfreisetzung weist Richter hin. Deshalb verdient sein kleines Büchlein Gut und Böse, 1980 bei Thienemann in Stuttgart erschienen, weiterhin hohe Aufmerksamkeit.

 

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Sonderausgabe

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.

 

 

 
 
 

 

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J. Michael Baerwald ist Herausgeber der Buchmarkt-Portale

 

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