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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Schatztruhe

 

 

 

 

 

'Die Welt für Morgen'

 

Ein sowohl verheißungsvoller als auch anmaßender Titel, dennoch ein, aus der Distanz von knapp fünfundzwanzig Jahren bewertet, 'grundsolide' antizipierendes Werk. Zahlreiche akademische Autoren - was die 'Solidität' von Aussagen ja nicht per se annehmen lassen muß - fächern hier ihr Wissen auf und entführen den Leser für die Augenblicke des Studiums ihrer Texte in eine Zukunft, die schon einmal dagewesen zu sein scheint, so merkwürdig dies auch anmuten mag.

Der Grund hierfür liegt einerseits in unserem Hang zur Verklärung des Gewesenen, anderseits in der Lust an der Errichtung von Gedankengebäuden. So reimt sich der Mensch etwas zusammen, was den Fortlauf der Geschichte viel intensiver bestimmt, als er meint. Solcher Zusammenfall von Eigenschaften wirkt deterministisch bei den einen, fatalistisch bei den anderen. Es besteht also ein Abwägen dessen, was wir Lebenserfahrung nennen und es in die Zukunftsgestaltung einbringen.

Dieser Spagat zwischen Gewünschtem und Erhaltenem macht im übrigen die gesamte Geschichtsschreibung aus, obwohl sie diesen gerne leugnet. Natürlich ist solches Leugnen Selbstschutz, denn der schleichende Einfluß des subtil-subjektiv bewerteten, zu einem 'So-war-es' geronnenen Zeitabschnitts ist selbstredend vorhanden. Ob Zeitzeugenschaft oder Nachgelesenes und -geforschtes, Zeit, die vergangen ist, kann gar nicht anders als subjektiv interpretiert werden. Wäre dem nicht so, vermöchten wir Menschen uns in der vierten Dimension zu bewegen, was auch für Gnostiker und Hermeutiker nachprüfbar unmöglich ist.

Und so verhält es sich zugleich mit der Zukunftsforschung, in welcher Disziplin auch immer Zukunft erforscht werden soll. Es fällt die semantische Inkorrektheit der Bezeichnung auf, denn es ist nicht möglich mangels des Zugriffs auf die vierte Dimension Zukunft zu erforschen. Was möglich ist, ist allein die Position des Gegenwärtigen zu beziehen und die Entwicklung des Vorhandenen zu vorwegzunehmen. Mehr als das Material, welches die Gegenwart zu liefern imstande ist, können weder Vergangenheit noch gar die Zukunft bieten. Diesen Einwand berücksichtigend, wird der Leser selbst zum Korrektiv heranreifen, wenn er das hier vorgestellte Buch aufschlägt und sich beispielsweise in das Kapitel II Die ökonomische Herausforderung sowie in das Kapitel IX Die interkulturell-religiöse Herausforderung einliest.

Die Zeitläufte haben nämlich einen anderen als den seinerzeit vorgedachten Weg genommen - zum grundlegenden Nachteil der Menschen, die zwischen ihnen zerrieben zu werden drohen. Die Ausführungen der Autoren sind gleichwohl erörternswert, denn sie berichteten seinerzeit (1986) von einer Entwicklung, die so wie angenommene hätte kommen können, jedoch anders und viel dramatischer erfolgte. Daran beweisen sich die o.e. grundsätzlichen Einwände, eine Welt für Morgen entwicklungsrelevant kreieren zu können. So wenig wie Klimaerwärmung oder -schutz der Semantik nach überhaupt zu existieren möglich ist, weil sie rein abstrakter Natur sind, so wenig war 1986 das Jahr 2010 und nachfolgende Jahre gestalterisch vorwegzunehmen möglich.

Worin also liegt der Wert dieses immerhin 440 Seiten umfassenden Kompendiums begründet? In der Bestätigung der Tatsache, daß Prophetie noch nie in das Stadium des Faktischen gelangte; daß Visionäre Wichtigtuer bleiben müssen, denn sie können keinen Beweis für die Erfüllung ihrer Zukunftschau antreten; daß Menschen zu irren gezwungen sind, solange sie fremdentlohnt streben; daß kein Sterblicher mangels Zugriffs auf die vierte Dimension fähig ist, Zukünftig-Faktisches zu erschaffen; daß bei allen Zukunftsentwürfen der entscheidende Faktor Menschenwille, und hierbei insbesondere jener animalische der Massenmenschen, unantizipierbar ist. Wer diese Negativformel als Beleg seiner aus Erfahrung klug gewordenen Geisteshaltung nimmt, wird an dem  im Kösel-Verlag, München, 1986 von Gerfried W. Honold herausgegebenen Buch mehr als eine physische Bereicherung seiner Bibliothek erblicken: Er wird aufatmend feststellen, daß die Grundfesten des Skeptizismus schon seit zweieinhalbtausend Jahren unerschüttert bleiben und sich das Postulat der Vorsokratiker, den Zweifel stets zum Prinzip des Denkens zu erheben, trotz aller Mühen dialektisch nie verbiegen ließ. Und so wird der geneigte Leser exakt das erfahren, was er bislang  vielleicht nur ahnte: nämlich daß keine Prophetie jemals eine Welt für Morgen errichten konnte. Was sie unerbittlich tat, war Zwang auszuüben; die daraus resultierenden Scheußlichkeiten sind in der Gesichtsschreibung in beliebiger Folge nachzulesen. Unter solcher Prämisse stellt das Buch wahrhaft eine Fundgrube dar.

 

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