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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Schatztruhe

 

 

 

 

 

'Wozu das alles?'

 

Es darf wohl dem faustischen Drang nach Selbst- und Welterkenntnis zugeordnet werden, daß sich seit Aristoteles' Nikomachische Ethik eine unübersehbare Flut von Publikationen über die schicksalsgebeutelten Menschen ergießt und, seit sie lesen gelehrt wurden, dazu animiert, sich mit dem Fatum, dem Schicksal, im allgemeinen und dem individuellen zu befassen.

Der Begriff Schicksalergebenheit oder Fatalität, Vorbestimmung oder Determination, sowie die neuzeitliche, von Leibniz denkmodellierte 'Prästabilisierte Harmonie' - in ihr verbirgt sich eher ängstlich als offensiv eine gedachte Welt, deren Existenz um so vieles schöner und erträglicher sein solle, als es die irdische jemals sein könne. Diese Vorstellung zieht sich wie ein Aridanefaden durch alle seit der Antike formulierten Denkmodelle vom Menschen und seiner Bestimmung. Nur hinkt der Vergleich: Den Faden hat niemand am Ausgang der Höhle, den es wiederzufinden gilt, festgezurrt. Er hat sich gelöst und dem sich an ihm Entlanghangelnden ist er im Eifer, immer tiefer ins Innere der Erde vorzudringen, entglitten.

Damit sehen wir uns in jener Situation, die wie gerne vermieden hätten, nämlich in der Lage eines Suchenden, dessen Streben dem selbstentworfenen Horizont zu, zu einem Fixpunkt irgendwo in der weiten Ebene wird, die sich dehnt und dehnt und dehnt, kaum daß er den nächsten Schritt gesetzt hat.

So also kommen wir nicht weiter, und es zeugte von demutsvoller Selbstbescheidung, erklärten wir unser Leben post mortem als Geheimnis, als Miraculum, als eine vielleicht erst zu bestehende Mutprobe, uns unsere Fehlerhaftigkeit und unser Unvermögen, vollkommen zu sein, selbst einzugestehen. Wo, an welchem Ort, in welcher Konsistenz, das sollte man dahingestellt sein lassen. Wenn, ja wenn nicht eben dieser faustische Drang da wäre: Zwar weiß ich viel, doch möcht' ich alles wissen, spricht Dr. Faustus gewissermaßen als autosuggestive Beschwörungsformel. Daß er an sich scheitert ist bekannt. Weshalb aber wollen wir scheitern? Um zu reifen? Wohl kaum, denn dann müßte unser Scheitern rekonstruktiv wirken. Dies aber als Prämisse für ein Vorwärtsstreben in der Erkenntnis dessen, 'was die Welt im Innersten zusammenhält', zu setzen, ist Augenwischerei. Wir laufen also weiterhin wie eine Maus im Laufrad, bis uns irgendwann die Puste ausgeht.

Exakt diesen Hebel, der Psyche einen Dämpfer zu verpassen, setzt August Hohler an, der Autor des hier erwähnten Buches. Er fragt den Leser doch tatsächlich Wozu das alles?, so als würde er ihn herauslocken wollen aus seinem sich wie irrsinnig drehenden Laufrad. 'Von Menschen und Mäusen' lautet der Titel von Steinbecks Roman um zwei Menschen, die ihren Teil vom selbstgelebten Leben haben möchten und jeweils auf eigene Weise scheitern, trotz oder gerade aufgrund ihrer innigen Verbundenheit. Und so sollten sie, lieber Leser, Hohlers kleines Kompendium über das Unvermögen, faktisch und mental über unser irdisches Leben hinauszudringen, bewerten: indem Sie dieses Unvermögen, allem faustischen Drang zuwider, akzeptieren.

Sie mögen gerne entgegenhalten, daß es Transzendenz gäbe, ja auch Transzendentales, die Gegenfrage aber lautet, wohin sie uns trägt oder getragen hat? Der Climax der Aufklärung ist das Abschwören der Geisterseherei, oder, launiger ausgedrückt: das Hintanstellen unlösbarer Fragen, die nur diffuse Antworten gebären. August Hohler, dem Sie Ihre Aufmerksamkeit widmen wollen, spricht daher unsere Sehnsucht nach Verläßlichkeiten an, vom Reigen der Ersatzbedürfnisse, von unserer Suche nach 'der' verläßlichen Heimt, von Sprache, Ehe, Emanzipation, und, nolens volens, auch von der Suche nach Nähe im Fernsehen (!). Hier findet der Leser jenen berückenden Satz, der allein es wert wäre, dieses schmale Büchlein zu besitzen: Die Fiktion ist stärker als die Wirklichkeit.

Sich daran zu messen und weiterzulesen, um sich selbst und sein Verhältnis zur Welt zu rekonstruieren, dies ist allemal die Mühe wert, von Seite eins bis Seite 140 das Laufrad zu verlassen, um sein eigenes Leben Revue passieren zu lassen. Ein bemerkenswerter Beitrag des Autors zum Selbstverständnis, gerade am Beispiel Fernsehen (das das Internet immer dominieren wird) aufgezeigt! Kurioser geht es nicht, denn wir alle sind Adepten des dort gespielten fiktiven Lebens. Ob wir diesen Status ablegen und uns emanzipieren oder weiterhin unser Laufrad als selbstkonzipierte, kuschelige Gegenwart verhätscheln, das wird mit Worten nicht zu beheben sein. Nur mit Taten. Dazu ruft August Hohler in seinem bei Orell Füssli, Zürich, 1980 edierten Buch Wozu das alles? sanft, aber energisch auf. Erweisen Sie sich den Gefallen und bereichern Sie durch ihn Ihr Leben nachhaltig!

 

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Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.

 

 

 
 
 

 

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J. Michael Baerwald ist Herausgeber der Buchmarkt-Portale

 

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