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'Kraft und Stoff'
Ist die Zeit reif für Ludwig Büchner? Darf
über Materialismus als Geisteskonstrukt eines aufs allgemeine Denken wohl
eher fraktioniert wirkender Antrieb zur Welterklärung gesprochen werden? Oder
hat eine klerikale Verdammung 'des Materialismus' recht, wenn sie ihn mit
Relativismus assoziiert?
Bezeichnenderweise greifen beide Strömungen
im flüchtigen Geschäft gesellschafts-, wirtschafts- und sozialpolitischer
Interessenausgleiche den Menschen an: den suchenden Menschen, nicht den Homo
oeconomicus. Dessen Resistenz gegen Zeitströmungen, gegen Intellektualität und
Klerikalität ist bekannt, sie branntmarkt ihn gestern wie heute. Nein, der
suchende Mensch bevorzugt andere Begegnungen, und, da kommt er wie gerufen,
jener im letzten Jahr des vorletzten Jahrhunderts verstorbene Ludwig Büchner,
nämlich der, dessen Buch Kraft und Stoff als Bibel des Materialismus galt
und wiederum gilt.
Weshalb, ist man versucht zu fragen, weshalb
wird dieser gelehrte Mann, promovierter Mediziner und neigungsgelenkte
Philosoph, Führer einer Renaissance des Materialismus? Und, so fragt man
verwundert, weshalb leidet das materialistisch geprägte Weltbild seit der Zeit
der Aufklärung nicht an Schwindsucht? Müßte es eigentlich, denn gelebte
Kausalität sieht analog der menschlichen Ratio anders aus. Und schickt sich
Rationalismus nicht eben an, den Homo oeconomicus neu zu definieren?
Um diesem Gespinst von Für und Wider Büchners
Postulaten beizukommen, benötigen wir nur einen klaren Verstand. Büchner selbst
weist alle Spekulationen über Rationalität vs. Relativismus, Klerikalität vs
Materialismus in einer einzigen Rückschau zurück. Man darf sie nur nicht,
filigran wie sie ist, überlesen: Drei große Gruppen von Einflüssen sind es
(...), welche den Willen des Menschen mehr oder weniger beherrschen und
seinem Thun und Lassen bestimmte Schranken setzen. Der erste und mächtigste
dieser Einflüsse beruht in der individuellen Organisation jedes Einzelnen und in
seinen, zumeist von Eltern und Voreltern vererbten, körperlichen und geistigen
Dispositionen, Trieben, Neigungen, Charakter-Anlagen u.s.w. - lauter Momente,
welche laut Erfahrung so sehr bestimmend auf seine Handlungen einwirken, daß der
freien Wahl nur der kleinste, oft gar kein Spielraum übrig bleibt. Der zweite
Einfluß wird durch die Momente der Bildung, der Erziehung und des Beispiels
dargestellt, welche auf den angebornen Charakter bald verbessernd, bald
verschlimmernd einwirken und die freie Wahl ebenfalls auf das Aeußerste
einschränken. Der dritte Einfluß liegt in den äußeren Lebensumständen und in der
Einwirkung s.g. Medien, innerhalb deren sich jeder einzelne Mensch bewegt und
bewegen muß (...). (S. 490-491)
Siehe da - die Overtüre zur donnernenden
Verdammungsarie seiner Gegner verklingt ungehört im großen weiten Saal der
Beliebigkeit. Materialismus Büchners ist nichts weiter als ein großer,
altmeisterlicher, nachkantianischer Augenöffner über unser Sein, über unsere
Begierden und über unsere Aussichten auf alsbaldiges Seelenheil. Wer hätte das
gedacht? Büchner war weder agnostisch noch amoralisch, er war nüchterner
Symbiotiker, nämlich aus zwei Einflüssen heraus: dem der
naturwissenschaftlich-medizinischen Menschenbetrachtung und dem der eine
Erklärung fürs Dasein suchenden Geistes, also ein Philosoph reinster Güte.
Solche Koryphäen sucht man unter Neurologen
vergeblich, Hirnorganisatoren, vulgo Neuro-Biologen, die den Individualwillen
als eine Erfindung der neuscholastischen Philosophia perennis deuten, haben
immer noch keine Antwort darauf gefunden, weshalb etwas ist und nicht nichts.
Damit gehen sie ungewollt konform mit Büchner, der sich allerdings gar nicht
erst anmaßte, etwas zu sein, was er nie sein würde, nämlich der universelle
Seins-Deuter, der Sinn-Erfinder, der Neuschöpfer des Homo-mensura-Satzes. Und so
schließt der kluge Leser messerscharf, daß er einer sein mußte, der dem Menschen
etwas nahebrachte, was der über alle Jahrhunderte hindurch suchte:
Selbsterkenntnis und Auskunft über das Wohin, wenn Physis und Psyche nicht mehr
vereint und ausgehaucht sind.
Büchner lehrt ihn in seinem Buch Kraft
und Stoff in dem vom Verlag Theodor Thomas 1883 in Leibzig
verlegten Werkes, solchen Weg vernunftgemäß - nicht intellektualisierend - zu
beschreiten. Wer mag, weil er all die nörgelnden Diskussionen ums rechte
Heilsversprechen leid ist, die immer wieder nur des Kaisers neue Kleider zu
beschreiben versuchen, gehe diesen Weg mit ihm. An geistiger Bereicherung bietet
jede Zeile mehr als jede dahingeschmierte seitenstarke Lektüre über die
Segnungen des Jacobsweges und des sich selbst kasteienden darüber Hinwankens.
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J.
Michael Baerwald, Berlin.
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