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'Lebenskunst'
Sich einzulesen in uns heute fremd
erscheinende Gedankenwelten hat seinen Reiz - insbesondere wenn es sich darum
handelt herauszufinden, weshalb der Autor so und nicht anders argumentiert.
Sechs Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges erschien der obige Titel des heute
vergessenen Autors. Interessant ist nicht sein Œuvre, denn außer zwei weiteren
Büchern hat er nichts verfaßt, doch die Geisteshaltung, die in dem hier
vorgestellten Werk zutage tritt, bietet Aufschluß über die Strömungen der
damaligen Zeit.
Der Untertitel lautet Der Weg zum
deutschen Kulturprogramm und assoziiert damit ungewollt eine feste Größe,
die statisch zu sein scheint und linearen Grundsätzen folgen mag, realiter aber
eine Weite des Blickes auf die philosophische Geisteslandschaft offenbart, die
es erlaubt, den Schluß zu ziehen, daß der Autor mehr als nur seine Sicht der
Dinge zu Papier bringen wollte. Und so verhält es sich auch. Aber nochmals:
Vergessen wir nicht die Zeit, in der der Autor zur Feder griff - in der Regel
verstreichen mehr als drei Jahre vor einer Veröffentlichung. Da war das schreckliche Ende des
Ersten Weltkrieges kaum ein paar Atemzüge von der neuen Freiheit entfernt.
Freiheit in Knechtschaft der Reparationsleistungen, keine Freiheit im Sinne
heutiger Liberalität.
Und so reflektiert der Autor folgerichtig den
Niedergang des Religiös-Spirituellen und die Entwertung der (abendländischen)
Religion, was natürlich den Agnostizismus im Gefolge hatte und die Abwendung von
jener übergeordneten Instanz, die wir Gott zu nennen pflegen. Ist es heute
jedoch anders? Wer den Fluten des Niederganges durch Krieg entgangen ist, wer
nicht im Strudel des Merkantilen versinkt, wer also zu jenen gehört, die sich auch psychisch über Wasser zu halten vermögen - und zwar durch ehrliche
Reflexion, nicht durch
Fiktionales -, der wird registrieren, daß das Goldene Kalb mehr Gläubige denn je
anzieht. Vor ihm knien sie nieder, sie beten es an.
Die Retrospektive der Historiker ist damit eine
andere zu nennen, als die Schau der unmittelbar Beteiligten; und so werden retrospektiv unsere
Dekaden als Niedergang des Religiös-Spirtuellen und als Entwertung der
(abendländischen) Religion zu verzeichnen sein. Das ist so sicher wie unsere
Enkel, späterhin fast neunzig Jahre zurückblickend, feststellen werden, welche immensen Verwerfungen
Liebesdienste am Goldenen Kalb hervorgerufen haben. Wem das zu vage ist, der
möge sich selbst und sein Jahrzehnt bewerten: Was tat er für sich? Was taten
andere für ihn? Was tat er für andere? Und er wird konstatieren müssen, daß
Kulturpessimismus weithin Raum griff, daß der minimale Konsensus zum Standard
des Umgangs miteinander erhoben wurde, und er wird, wenn er ehrlich prüft,
zu sich sagen müssen: Ich hätte wohl mehr tun als emblematische Lebenskunst
betreiben sollen...
Was sagt uns aber Lebenskunst? Nichts
anderes als un-emblematisch zu leben, und das ist das eigentlich Wertvolle an diesem
fast verschollenen Buch von Ernst Bittlinger, 1924 herausgegeben im
Verlag Walter des Gruyter in Berlin, daß
wir unsere vielen entbehrlichen Show- und Wissensvorräte durchlüften und dem Rest etwas
Unentbehrliches hinzufügen sollten, nämlich die Erkenntnis, daß Lebenskunst
etwas ganz und gar anderes ist als ein Sammelsurium von Allerweltsweisheiten.
Lebenskunst durchwirkt die Geisteshaltung als Abstandswahrung zum Geschehen der
(eigenen) Zeit und
deren Filterung durchs ethisch gefärbte Gemüt, in letzter Instanz durch den
Verstand. Das hieße, der Aufforderung des Untertitels Folge zu leisten und einen
Weg zu einem deutschen Kulturprogramm zu ebnen - qua Integration deutscher
Kultur post mortem. Post mortem? Ja, denn sie ist zwar beigesetzt worden, aber
nicht zu Asche zerfallen. Sie könnte rekonstruiert werden, und zwar durch
kultur-forensisches Wissen. Wem das zu vage ist, der soll darauf hingewiesen
werden, daß Kultur in uns lebt und bebt und gewiß nicht aus dem Auswendiglernen
von Gedichten besteht, gar durch dies reüssiert. Nein, es ist allein die
Geisteshaltung, mit der wir deutscher Kultur in jedweder Konstellation den Weg
zurück ins Leben bahnen.
Und da finden wir in diesem Buch ein probates Mittel, uns vor Augen zu
führen, wohin Agnostizismus, Nihilismus, Permissivität, gepaart mit
Deutungshoheitsansprüchen, führen: direkt in die Gefolgschaft
neuzeitlicher Rattenfänger. Die nennen sich heute Wirtschaftslenker und
-analysten oder agieren
als sozialpolitische Hasareure, sie
sind aber nichts weiter als anti-kulturelle Wegebener der Wiederholung der - merkantilen - Szenarieren,
die Ausgangs der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts die Tänzer ums Goldene
Kalb in
Verzweiflung stürzten. Dies alles prognostizierte Bittlinger in wohlgesetzten
Worten - für den Leser von
heute könnten seine Ausführungen nicht nur des Stiles wegen zum Aha-Erlebnis werden. Damit es so sei,
erfolgt solcher Hinweis in der Schatztruhe, die ihren Namen nur für etwas hergibt, das der
Hebung eines Schatzes gleichkommt. Den Leser wird er bereichern!
Schatztruhe
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Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J.
Michael Baerwald, Berlin.
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